Auf der Suche nach dem Knopf im Kopf – Seminar im Februar

Veröffentlicht in Marokko

 

Seminarteilnehmer

Auch im Februar fand in Frankfurt wieder ein zweitägiges Seminar statt, bei dem sich Marokkaner in Deutschland über die Unternehmensgründung in Marokko schlau machen konnten.
Wie entwickelt sich Marokkos derzeit in verschiedenen Sektoren? Auf was muss ich bei einer Firmengründung achten? Was gehört zu einem guten Businessplan und wie gehe ich am besten meine Marktexploration an? Welche Marktakteure muss ich im Blick haben und mit welchen Marketingstrategien kann ich mein Produkt oder meine Dienstleistung an den Kunden bringen? Auf diese und viele andere Fragen fanden neun Männer und zwei Frauen in den zwei Tagen in Frankfurt Antworten.


Ingenieure aus Deutschland haben es in Marokko nicht leicht. „Fachlich sind sie gut, und das ist in Marokko auch bekannt. Aber die meisten verkaufen sich schlecht – zumindest schlechter als Ingenieure, die ihre Ausbildung etwa in Frankreich absolviert haben. Ingenieure aus Deutschland sind vor allem eines: bescheiden“, erklärte Mohamed Hourch. Der 41jährige Bauingenieur muss es wissen. Nach seinem Studium und erster Berufserfahrung in Deutschland ging er 2002 nach Marokko zurück. Seit fünf Jahren hat er nun ein eigenes Ingenieurbüro. Es heißt “City Concept“ und beschäftigt mittlerweile zehn Mitarbeiter.

In Deutschland gelten Ingenieure in Anzug und Krawatte als wenig umsetzungsorientiert, erwecken sie doch den Anschein, sich nicht die Hände schmutzig machen zu wollen. Ganz anders sieht es in Marokko aus. „Dort werden bodenständige Ingenieure in Karohemd und Jeans nicht ernst genommen“, so Hourch. Bei seinem ersten großen Auftrag – es ging um den Bau von fünf Universitäten – wollte ihn noch nicht einmal der Pförtner zum vereinbarten Termin vorlassen. „Seitdem gehe ich ohne Anzug und Krawatte nicht mehr aus dem Haus“, so Hourch.

Sich von alten Gewohnheiten trennen

“Sich umorientieren“ das könnte die Überschrift für viele Themen sein, die bei dem Seminar in Frankfurt zur Sprache kamen. Einer der Teilnehmer meinte dazu: „Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, den Knopf im Kopf umzulegen, sobald ich in Marokko lande.“ Nach vielen Jahren in Deutschland ist es allerdings für viele schwer, diesen Knopf zu finden und immer wieder aufs Neue umzulegen.

Auch zukünftige Unternehmer, die das Angestelltendasein hinter sich lassen wollen, müssen diesen Knopf finden. Sie müssen quasi auf die andere Seite des Schreibtisches wechseln und sich von den Annehmlichkeiten des Angestelltenlebens trennen: von einem sicheren Vertrag, vom Gehalt, das jeden Monat pünktlich das Konto füllt, und von einem sehr überschaubaren Risiko. Denn wenn ein Unternehmer ein Projekt in den Sand setzt, kann er den schwarzen Peter anders als der Angestellte eben nicht seinem Chef oder der Finanzabteilung zuschieben. “Unsicherheit“, “hohes Risiko“, “Existenzangst“, “hohe Belastung“ waren deshalb auch einige Schlagwörter, die den künftigen Unternehmern und Unternehmerinnen beim Blick in ihre Zukunft einfielen. Aber da waren natürlich auch positive Dinge, etwa “mehr Freiheit“ und “mehr Flexibilität“.

Wenn man nicht weiß, was man nicht weiß

„In Deutschland hätte ich als Unternehmer wahrscheinlich weniger Kopfschmerzen und mehr Schlaf“, gab ein Seminarteilnehmer sich selbst und den anderen zu Bedenken. Wer in Marokko beispielsweise Strom oder Wasser braucht und sich ungeschickt angestellt oder mit deutscher Vehemenz und Prinzipienreiterei an die Sache herangeht, der wird in Marokko wenig Spaß und womöglich auch wenig Erfolg haben. Anders gesagt: Wer den Knopf nicht findet, für den kann aus einem Monat schnell ein Jahr ohne Strom oder Wasser werden. Und das gehört eher noch zu den einfachen Herausforderungen. Weitaus schwieriger wird es mit Dingen, von denen man nicht weiß, dass man sie nicht weiß. Um diese Unwissenheit zu minimieren, bietet das Programm “Geschäftsideen für Marokko“ immer wieder Vorbereitungsseminare für Marokkaner an, die in Deutschland leben und in Marokko ein eigenes Unternehmen gründen möchten.

Zurück zur Sache mit dem Strom und dem Wasser: „Es ist wichtig, manchmal auch überlebenswichtig mit Leuten zusammenzuarbeiten, die 100 Prozent marokkanisch sind. Anders als frische Rückkehrer aus dem Ausland wissen die nämlich sehr genau, was man in Marokko wie am schnellsten und einfachsten erledigt und können dies im besten Fall auch gleich übernehmen“, riet Moha Ezzabdi. Er berät seit vier Jahren an der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) rückkehrende Fachkräfte beim beruflichen Wiedereinstieg in Marokko. Wie auch der Unternehmer Mohamed Hourch war er für das Seminar eigens nach Frankfurt gekommen.

Klinken putzen und Vertrauen aufbauen

Der Unternehmer Mohamed Hourch mit seinen Mitarbeitern in Casablanca.

Der Unternehmer Mohamed Hourch mit seinen Mitarbeitern in Casablanca.

Mit circa zwei Jahren müsse man rechnen, bis alles richtig läuft, bis man den nun schon bekannten Knopf ohne große Schwierigkeiten umlegen kann, bis das Französisch flüssig über die Lippen geht, bis man ein gutes Kontaktnetzwerk und Vertrauen aufgebaut hat – zu Kunden und Mitarbeitern. Hourch hat am Anfang wie alle Klinken geputzt. „Acht Termine am Tag, vier vormittags, vier nachmittags. Denn ohne Beziehungen und Vertrauen kommt man in Marokko nicht weit.“ Das kostet Zeit, Nerven und Geduld.

Auch die Personalführung ist für Unternehmer in Marokko eine große Herausforderung. Denn die Bindung zum Unternehmen ist meist gering. So kam es in jüngster Vergangenheit nicht selten vor, dass ganze Abteilungen wegen 100 Euro pro Monat mehr auf dem Konto zur Konkurrenz wechselten. Das ist für den Unternehmer natürlich insbesondere dann ärgerlich, wenn er aufgrund des Fachkräftemangels viel Zeit und Geduld in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter investiert hat.

Kooperation statt Kampfansage

Viele deutsche Unternehmen suchen nach neuen Märkten und schielen dabei auch nach Marokko. Doch ähnlich wie Marokkaner, die sehr lange in Deutschland gelebt haben, tun sich auch deutsche Unternehmen mit dem Mentalitätsunterschied und der Sprache schwer. Viele sind daher zögerlich oder gehen Umwege über Drittländer. So etwa das deutsche Dienstleistungsunternehmen DEKRA, das sein Marokkogeschäfts über ihre Firmenniederlassung in Frankreich aufbaut.

Um in Marokko Fuß fassen zu können, sind deutsche Unternehmen auf Menschen angewiesen, denen sie vertrauen können und die zwischen den beiden Kulturen Brücken bauen können. Die deutsche Firma „Wieland Electric“, die technische Teile für Gebäudeautomation und Automatisierungstechnik herstellt, vertraut zum Beispiel Mohamed Hourch, wenn es um ihre Geschäfte in Marokko geht. Beide profitieren von der Zusammenarbeit: „Wieland Electric“ kann mit Hourchs Unterstützung einen neuen Absatzmarkt erschließen. Mohemd Hourch wird für seine Dienste entlohnt, bei seinen Bauprojekten kann er zudem von der guten Qualität deutscher Produkte profitieren. „Gerade am Anfang solltet Ihr nicht gegen die Windmühlen der Großen kämpfen. Die bessere Strategie ist es, klein anzufangen und langsam in alles reinzuwachsen. Und vergesst nicht, das Vertrauen zu nutzen, das man Euch in Deutschland entgegenbringt“, gab Hourch den zukünftigen Unternehmern und Unternehmerinnen noch auf den Weg, bevor ihn seine Arbeit wieder zurück nach Marokko holte.