Auf der Suche nach Wachstumsmärkten

Veröffentlicht in Marokko

 

 

Kiosk von Sapresse

Wer an Nabil Kotbis Seite durch Casablanca streift, hört ihn immer wieder sagen „Marokko ist ein Paradies“. Wenn Kotbi von “Paradies“ spricht, dann meint er vor allem die vielen noch ungenutzten Möglickeiten, die es in dem sonnenverwöhnten Land für die Nutzung erneuerbarer Energien gibt.

Für die deutsche Firma „E.U. Solar“ versucht Kotbi derzeit in Marokko erste Aufträge an Land zu ziehen. Marokkaner wie er, die die deutsche Sprache sprechen und wissen, wie deutsche Unternehmen ticken und arbeiten, können eine wichtige Brückenfunktion übernehmen. Sie können deutschen Unternehmen dabei unterstützen, neue Märkte zu erschließen.

„Hier, die Zeitungskioske von Sapresse, die haben Solarzellen auf dem Dach, die Energie für die Beleuchtung liefern sollen. Aber die meisten Anlagen gaben schon nach einem Jahr den Geist auf“, erklärt Nabil Kotbi, während er sich seinen Weg durch das Verkehrschaos von Casablanca bahnt und an einem Kiosk am Straßenrand Halt macht.

Kotbi hat schon mit dem chinesischen Chef der 145 Kioske in Casablanca gesprochen. Ein marokkanischer Elektriker, der keine Ahnung von Solaranlagen hat, habe die aus China stammenden Anlagen installiert, so Kotbi. Garantie habe der Kioskbetreiber natürlich keine. „Mit E.U. Solar wäre ihm das nicht passiert. Wir verwenden ausschließlich Qualitätsprodukte von deutschen Herstellern, wir wissen, worauf bei der Installation zu achten ist, und: Wir geben fünf Jahre Garantie“, beschreibt Kotbi das, was er derzeit in Marokko versucht an den Mann zu bringen.

Auf Marokkos grüne Zukunft setzen

Kotbi ist 38 Jahre alt und eigentlich gelernter Zimmermann. 1996 kam er nach Deutschland. Seit fünf Monaten ist er nun wieder in Marokko. Holger Ermoneit, sein Chef, lebt in Deutschland in der Nähe des Bodensees, wo er die Firma E.U. Solar betreibt. Seit 1998 plant, installiert und wartet das Unternehmen Solarenergie- und Solarthermieanlagen für Privat- und Firmenkunden. Nabil Kotbi ist einer von Ermoneits 19 Mitarbeitern.

Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, der Klimawandel, das Unbehagen mit Atomenergie und steigende Rohstoffpreise machen erneuerbare Energien zu einem attraktiven Zukunftsmarkt. Allein in Deutschland sind bis heute rund 300.000 neue Jobs rund um erneuerbare Energien entstanden, darunter viele bei Mittelständlern wie Ermoneit.

Diesen Zukunftsmarkt hat auch Nabil Kotbi vor circa zweieinhalb Jahren für sich entdeckt. Mit dem Ziel “nie wieder arbeitslos“ hat er sich in das neue Sachgebiet eingelesen und Fortbildungen besucht. Im März letzten Jahres hat er dann ein Praktikum bei E.U. Solar begonnen. Bereits im Mai hat er seinem Chef vorgeschlagen, gemeinsam mit seinem in Marokko lebenden Bruder für E.U. Solar in Marokko das Geschäft aufzubauen. Holger Ermoneit ließ sich darauf ein.

Den Schritt ins Ausland wagen

Geschäftswagen E.U. Solar

Deutsches Unternehmen auf Expansionskurs: der Geschäftswagen von E.U. Solar auf den Straßen von Casablanca.

Dabei sind Ermoneits Auftragsbücher in Deutschland momentan mehr als voll. Der Boom lässt sich weniger auf die Ereignisse in Fukushima zurückführen, sondern eher darauf, dass die staatliche Förderung für Solaranlagen in Deutschland im Sommer stark reduziert wird und viele bis dahin noch eine Anlage installiert haben möchten. Doch die momentane Hochkonjunktur täuscht ein wenig darüber hinweg, dass der deutsche Markt schon ziemlich abgegrast ist und dass Firmen, die überleben oder gar wachsen wollen, auch den Schritt auf ausländische Märkte wagen müssen.

Die Unternehmensberatung McKinsey rechnet in den nächsten zehn Jahren im weltweiten Greentech-Markt mit etwa zwei Billionen Euro Umsatz. Für Deutschland, das zu den Vorreitern bei der Nutzung alternativer Energiequellen zählt und das für zuverlässige technische Lösungen bekannt ist, erschließt sich damit ein neuer Exportmarkt. „Marokko hatte ich allerdings überhaupt nicht auf dem Schirm“, sagt Ermoneit. Bis Kotbi auf ihn zukam. „Ich sagte mir, warum nicht.“

Sprachliche und kulturelle Hürden meistern

Ermoneit war bisher drei Mal selbst in Marokko. Zuletzt mit einem Stand bei der Umweltmesse Enviro Maroc im März dieses Jahres. „Nabil Kotbi ist für mich momentan unersetzlich. Er ist vor allem sprachlich und kulturell eine wichtige Schnittstelle“, sagt Ermoneit, der selbst weder Französisch noch Arabisch spricht. Doch Ermoneit räumt ein, dass nach der Anfangseuphorie schon auch Ernüchterung eingetreten sei.

Eine Ernüchterung besteht beispielsweise darin, dass in Marokko zwar ein Einspeisegesetz existiert, dieses aber derzeit noch nicht umgesetzt werden kann. Anders als in Deutschland lassen sich Überschüsse daher noch nicht gegen Entgelt ins Niederspannungsnetz einspeisen, so dass man die Anschaffungskosten der Anlage schneller wieder reinholen könnte. Die Anschaffungskosten sind ohnehin eine große Hürde. „Die Herstellungskosten für die technischen Anlagen sind in den letzten Jahren enorm gesunken. Dennoch sind die Preise für unsere Lösungen in Marokko derzeit einfach noch zu hoch und es bedarf wahnsinnig viel Überzeugungsarbeit“, räumt Ermoneit ein.

Auf die tatsächliche Nachfrage eingehen

Ermoneit will sich noch bis zum Ende des Jahres geben. „Länger reicht unser Atem nicht“, sagt der 54jährige Unternehmer, der nicht nur das Gehalt für die beiden Kotbi Brüder trägt. Er hat auch einen Geschäftswagen zur Verfügung gestellt und ein kleines Büro in Casablanca angemietet. Die Angebotserstellung erfolgt allerdings nach wie vor in Deutschland. „Die Kommunikation und die notwendigen Übersetzungen von Angeboten ins Französische kosten uns derzeit viel Zeit“, sagt Ermoneit. Zeit, die er momentan eigentlich nicht hat, weil er für das Geschäft in Deutschland gerade jeden Mann braucht.

Moschee Hassan II

Sie gehört zu den größten Moscheen der Welt: die Moschee Hassan II in Casablanca. Noch wird sie mit herkömmlicher Energie versorgt.

Mehr Zeit bräuchte Ermoneit auch, um stärker auf die Nachfrage in Marokko eingehen zu können. Die unterscheidet sich nämlich wesentlich von der in Deutschland. Stark nachgefragt sind in Marokko zum Beispiel solarbetriebene Wasserpumpen, die Gasgeneratoren in marokkanischen Dörfern ersetzen könnten, um dort Wasser aus 80 Meter Tiefe nach oben zu pumpen. „Um solche Pumpen auch zu einem in Marokko annehmbaren Preis anbieten zu können, müssen wir noch ziemlich viel Arbeit in die Entwicklung stecken“, sagt Ermoneit.

Auch die derzeitige politische Instabilität in der Region macht dem deutschen Unternehmer natürlich nachdenklich. Und das Fachwissen der Techniker und Ingenieure vor Ort habe ihn auch nicht gerade begeistert. „Man müsste schon noch einiges an Energie in die Ausbildung vor Ort stecken“, so Ermoneit.

Während Ermoneit – wie vielen deutschen Unternehmern – die Hindernisse und Schwierigkeiten in Marokko ziemliche Sorgen bereiten, ist Nabil Kotbis Enthusiasmus noch immer ungebremst. Wenn es nach ihm ginge, dann würde auch Casablancas Wahrzeichen, die mächtige Moschee Hassan II, in Kürze mit Solarstrom versorgt. „Die Solarzellen ließen sich auf den nahe gelegen Verwaltungs- und Bibliotheksgebäuden hervorragend installieren“, denkt Kotbi laut über Marokkos grüne Zukunft nach und wundert sich ein wenig, dass vor ihm scheinbar noch niemand auf die Idee gekommen ist.


Kontakt

E.U. Solar GmbH & Co. KG
Zum Degenhardt 19
88662 Überlingen
Holger Ermoneit: +49 (0)7551.947120
Nabil Kotbi: +212 (0)62.63350498