Neue Banken braucht das Land

David Niguriani

David Niguriani

In den Jahren des Umbruchs, als die wirtschaftliche Situation in Georgien sehr schwierig ist, verlässt David Niguriani das Land. In Deutschland studiert er Wirtschaftswissenschaften und arbeitet viele Jahre bei der genossenschaftlichen GLS Bank, die mit der Überzeugung wirbt: „Geld ist für die Menschen da!“ Dreizehn Jahre später kehrt Niguriani nach Georgien zurück und gründet schließlich selbst eine Kreditgenossenschaft. Sie heißt „EthicCapital“.

Als David Niguriani 1995 Georgien hinter sich ließ und nach Deutschland ging, stand für ihn bereits fest, dass er eines Tages zurückkehren würde. Der heute 38-Jährige sagt: „Ich hatte immer diesen Wunsch, in Georgien etwas aufzubauen. Auch wenn meine Vorstellung davon damals noch diffus war.“

Deutschland hat Niguriani und seine Idee dessen, was er gerne aufbauen würde, stark geprägt. „Schon die ersten Jahre in Deutschland und insbesondere die Gespräche mit Dozenten an der Uni und auch mit Freunden, die ich dort gefunden habe, haben mich sehr beeinflusst“, sagt er. Noch während seines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums in Baden-Württemberg machte Niguriani ein Praktikum bei der GLS Bank in Stuttgart. Nach dem Studium stieg er dort als Trainee ein, denn die Philosophie der Bank gefiel ihm.

Anders als das Gros der Banken strebt die 1974 gegründete Genossenschaftsbank, die als erste nachhaltige Bank der Welt gilt, nicht nach Gewinnmaximierung. Von spekulativen Anlagen hält sich die GLS Bank ebenfalls fern. Stattdessen investiert sie das Geld ihrer Kunden in ethische und ökologisch nachhaltige Projekte – derzeit vor allem in den Branchen erneuerbare Energien, biologische Lebensmittel, Sozialarbeit und nachhaltige Immobilien.

Rückkehr statt sicheres Einkommen

Noch heute erzählt Niguriani mit Begeisterung von dem Moment, als er im Rahmen seines Praktikums bei der GLS Bank erstmals mit einem alternativen Bankensystem in Berührung kam: „Ich konnte es damals gar nicht glauben, dass es so einen nachhaltigen Ansatz in der Realwirtschaft tatsächlich gibt und dass er offensichtlich auch langfristig funktioniert.“ Ohne sein Studium und seine Zeit bei der GLS Bank wäre in seinem Leben vieles ganz anders gekommen, glaubt Niguriani. „Diese Zeit hat meinen Blick auf das Leben verändert.“

Insgesamt arbeitete Niguriani vier Jahre bei der GLS Bank, zuletzt als Ansprechpartner für Finanzierungsfragen von Firmen, an die er auch selbst Kredite vergab. Irgendwann stand für ihn dann fest, dass er nachhaltiges Denken und wirtschaftliches Handeln auch in Georgien etablieren möchte. Und ihm wurde klar, was er dort aufbauen will: eine alternative Bank.

Im Sommer 2008 war es so weit. Niguriani wählte die Rückkehr statt das gesicherte Einkommen in Deutschland. Seine deutsche Frau und seine drei kleinen Kinder kamen mit nach Georgien. „Die ersten Monate dort waren allerdings alles andere als einfach, vor allem wegen der Sprachprobleme.“ Sie machten insbesondere Nigurianis Frau und Kindern zu schaffen. „Aber auch ich habe erst mal Zeit gebraucht, mich nach 13 Jahren in Deutschland wieder an den georgischen Alltag zu gewöhnen“, beschreibt er die Eingewöhnungsphase im alten und zugleich neuen Umfeld. Umso hilfreicher sei es gewesen, dass er vom Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr Unterstützung bekam.

Klein anfangen: einen Verein gründen

Bereits vier Wochen nach seiner Ankunft in Georgien gründete Niguriani zusammen mit zwei weiteren aus Deutschland zurückgekehrten Georgiern in Georgiens Hauptstadt Tiflis den Verein „EthicFinance“.
Erstes Ziel des Vereins: ein Netzwerk in der neuen Umgebung und Branchenkenntnisse aufbauen. Heute betreut EthicFinance mehrere soziale und ökologische Projekte und berät diese bei der Optimierung von Organisationsstrukturen und bei juristischen Problemen. Darüber hinaus bietet der Verein vor allem Unterstützung bei der oft heikelsten aller Fragen, der Finanzierung. Er stellt Kontakte zu potenziellen Geldgebern her, identifiziert gemeinsam mit seinen Kunden Einsparpotenziale und zusätzliche Einnahmequellen oder steht bei der Einführung moderner Buchhaltungssysteme zur Seite.

David Niguriani, seine Frau und Bruno Handschuh vom deutschen Senior Experten Service. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Apfelsaft, der im Rahmen eines von EthicFinance unterstützten Jugendprojektes hergestellt wurde.

David Niguriani, seine Frau und Bruno Handschuh vom deutschen Senior Experten Service. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht hier der Apfelsaft, der im Rahmen eines von EthicFinance unterstützten Jugendprojektes hergestellt wurde.

Vom Verein zur Kreditgenossenschaft

Der nächste logische Schritt zur Verwirklichung von Nigurianis Vision war es, nachhaltige Projekte mit Kapital auszustatten, um sie auf Dauer wirtschaftlich zu machen. Hierzu gründete er ergänzend zu dem Verein EthicFinance 2010 die Kreditgenossenschaft „EthicCapital“. Sie unterscheidet sich von anderen georgischen Kreditinstituten insbesondere dadurch, dass sie sehr transparent und nicht gewinnorientiert agiert und sich auf die Realisierung nachhaltiger Projekte konzentriert.

Finanziert wird EthicCapital durch zinslose Darlehen und Mitgliedsbeiträge. Neben der Haupttätigkeit, Kredite an nachhaltige Projekte zu vergeben, hat die Kreditgenossenschaft ein weiteres zentrales Anliegen. Sie will einen Ort schaffen, wo sich Menschen mit sozialem und ökologischem Bewusstsein treffen und austauschen können und wo sie gemeinsam neue Projekte entwickeln und umsetzen können. So soll ein Netzwerk entstehen, aus dem heraus gesellschaftliche Veränderungen möglich werden. Heute, zweieinhalb Jahre nach der Gründung von EthicCapital, hat die Genossenschaft bereits über 80 Mitglieder.

Das richtige Personal finden

Zu den größten Herausforderungen, denen sich Unternehmer in Georgien stellen müssen, gehört laut Niguriani, gutes und zuverlässiges Personal zu finden. Über die letzten Jahre hat er viele Mitarbeiter eingestellt und wieder entlassen müssen. Es habe sehr lange gedauert, bis er die richtigen Leute gefunden hat, erzählt er. „Die Vergabe von Krediten ist ein sensibles und verantwortungsvolles Arbeitsfeld. Deshalb muss man sich zu hundert Prozent auf seine Mitarbeiter verlassen können.“

Mitarbeiterbesprechung auf einem Demeterhof in Kachetien.

Mitarbeiterbesprechung auf einem Demeterhof in Kachetien.

Niguriani ermutigt dennoch jeden, der in Georgien unternehmerisch aktiv werden möchte. „Georgien bleibt in vielen Bereichen weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dabei gibt es so viele brachliegende Möglichkeiten. Wer einen hohen Anspruch an sich und das, was er machen will, hat, der hat hier gute Aussichten auf Erfolg. Denn in Georgien herrscht ein großer Mangel an und daher auch eine große Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen.“

Auf die Frage, ob er denn nun für immer in Georgien bleiben wird, weiß Niguriani im Moment noch keine Antwort. Er könne sich gut vorstellen, dann, wenn es seine mittlerweile vier Kinder zum Studium nach Deutschland zieht, auch wieder nach Deutschland zu gehen. Vorausgesetzt, seine Vorstellungen von einem ethisch verantwortungsvollen und nachhaltig wirtschaftenden Bankensystem hat bis dahin in Georgien noch breitere Kreise gezogen und sich etabliert.