„It’s not magic“

Issa Ouedraogo

Issa Ouedraogo

Issa Ouedraogo hat viele Jahre für internationale Entwicklungsorganisationen gearbeitet. „Nachhaltige Entwicklung, Armutsbekämpfung, Millennium-Entwicklungsziele, das waren so die Schlagwörter, die mein Leben bestimmten“, sagt der in Ghana geborene und in Deutschland ausgebildete Wirtschaftsinformatiker. Heute setzt er die Theorie in die Tat um – als Unternehmer in der Landwirtschaft.

„Nach einer Weile in der Entwicklungszusammenarbeit habe ich festgestellt, dass zwar alle von Nachhaltigkeit und Armutsbekämpfung redeten und immer wieder Konzepte und Ideen produzierten, dass es an einer wesentlichen Stelle aber meistens hakte: an der Umsetzung in die Praxis. Man spricht von Armen und Armutsbekämpfung, bezieht aber jene, um die es eigentlich geht, nämlich die Armen, gar nicht wirklich mit ein.“

Die Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen

Am Beispiel Ghana wollte Ouedraogo sich und anderen beweisen, dass Armutsbekämpfung breitflächig möglich ist und dass sich die Armen aus ihrer Armut sogar selbst befreien können – vorausgesetzt, man schafft dafür die richtigen Rahmenbedingungen. „Ich sehe meine Aufgabe darin, die Lücke zu schließen, die zwischen Theorie und Praxis klafft, und Menschen dabei zu helfen, ihre Lebensverhältnisse aus eigener Kraft zu verbessern“, sagt der heute 54-Jährige. Um das tun zu können, hat er sich mit Anfang 40 entschlossen, sein Leben als Angestellter hinter sich zu lassen. Bevor er seine Unternehmung startete, stellte Ouedraogo jedoch ein paar simple, aber wichtige Überlegungen an:

  • 60 Prozent der Menschen in Ghana leben von der Landwirtschaft; darunter sind viele, die als arm gelten.
  • Boden und Klima in Ghana bieten gute Voraussetzungen für eine ertragreiche Landwirtschaft – viel bessere als in vielen anderen Ländern, etwa in Saudi-Arabien, wo Ouedraogo auch eine Zeit lang als Angestellter gearbeitet hat.
  • Der ghanaische Bauer erhält nur einen Bruchteil des Geldes, das der Endverbraucher für die landwirtschaftlichen Produkte zahlt, in der Regel weniger als 10 Prozent. Der Bauer ist demnach der Verlierer in der Wertschöpfungskette – und das, obwohl er den Großteil der Arbeit leistet.
Impressionen von Ouedraogos Modellfarm: Geflügel, Gärtnerei, Palmölproduktion.

Impressionen von Ouedraogos Modellfarm: Geflügel, Gärtnerei, Palmölproduktion.

Building Business on Values, Integrity and Dignity: B-BOVID

Basierend auf seinen Überlegungen entschied Ouedraogo, die Landwirtschaft zu seinem Betätigungsfeld zu machen. 2004 kaufte er im Westen Ghanas 112 Hektar fruchtbares Land und gründete das Unternehmen B-BOVID. Zehn Jahre später ist dieser Flecken Erde nicht mehr wiederzuerkennen. In einem riesigen Modell-Garten wächst unterschiedlichstes Obst und Gemüse. Ein ghanaischer Journalist schrieb nach seinem Besuch des Gartens: „Ouedraogo hat ein Paradies geschaffen. Dort wachsen alle tropischen Früchte, die man sich nur vorstellen kann, Hektar um Hektar, so weit das Auge reicht. Ein magischer Ort.“

Auf 20 Hektar des Gartens wächst zum Beispiel eine für Ghana neue Sorte Maniok, die sehr hohe Erträge abwirft, resistenter gegen Krankheiten und weniger arbeitsintensiv als herkömmliche Sorten ist. Die Setzlinge dieser Pflanze können die rund 20.000 Bauern im Westen Ghanas in Zukunft von B-BOVID beziehen. Das Unternehmen demonstriert aber nicht nur, was alles in Ghana wachsen kann, sondern auch, wie sich ohne teuren Dünger und Chemikalien gute Erträge erzielen oder durch den Einsatz moderner Technik Erträge steigern lassen. „Der schonende Umgang mit der Natur, die nicht nur unsere Wirtschaftsgrundlage, sondern gleichzeitig auch unser Lebensraum ist, steht für uns im Vordergrund“, so Ouedraogo, der neben den Pflanzen auch unterschiedliche Arten von Nutztieren und Fischen auf seiner Modellfarm angesiedelt hat.

Voneinander lernen: Landwirte besuchen Ouedraogos Modellfarm.

Voneinander lernen: Landwirte besuchen Ouedraogos Modellfarm.

Aus Verlierern Gewinner machen

Wie kommt nun aber das Wissen an den Bauern bzw. wie schließt B-BOVID die Lücke zwischen Theorie und Praxis? „Wir bieten praktische Schulungen an, und wir sprechen die Sprache der Bauern“, erklärt Ouedraogo. In Maschinenzentrum von B-BOVID können sich die Bauern z. B. für wenig Geld moderne Maschinen ausleihen und werden in ihrem korrekten Gebrauch geschult. Sie erfahren außerdem, warum Mischkulturen besser als Monokulturen sind, wie der Klimawandel das Leben und Arbeiten der Menschen weiter verändern wird und was sich dagegen tun lässt, wie man geerntete Produkte in höherwertige Ware weiterverarbeiten oder mit dem Mobiltelefon aktuelle Marktpreise und das Wetter verfolgen kann.

Eine Ölmühle gibt es auf der Modellfarm ebenso wie neuerdings ein Restaurant mit Biogerichten, hergestellt aus eigener Produktion. Der Garten und das Restaurant sind mittlerweile zum beliebten Ausflugsziel geworden – für Ghanaer und auch für Touristen. Bei der Ölmühle liefern Bauern aus der Umgebung ihre Früchte ab und erhalten dafür einen fairen Preis – und am Ende eines jeden Geschäftsjahres außerdem eine Beteiligung am Unternehmensgewinn von B-BOVID.

Ghanaer lernen von B-BOVID, wie man Bio-Gemüse züchtet.

Ghanaer lernen von B-BOVID, wie man Bio-Gemüse züchtet.

Farm, produce, feed yourself

„Die größte Bestätigung für meine Arbeit ist die Begeisterung in den Gesichtern der Besucher auf unserer Modellfarm. Insbesondere viele junge Leute, die Landwirtschaft nur noch als ödes, brotloses Betätigungsfeld sahen, fangen an, ihre Meinung zu ändern“, sagt Ouedraogo. Sein Ziel ist kein geringeres, als dem Beruf des Bauern seine Würde zurückzugeben. Die Tatsache, dass es auf seine Initiative hin im Westen Ghanas heute mehr und mehr Schulgärten gibt und landwirtschaftliches Wissen Teil des Lehrplans ist, wird zur Erreichung des Ziels sicherlich wesentlich beitragen. Ouedraogo hat jedenfalls das Gefühl, dass er langsam die Früchte seiner beharrlichen Arbeit ernten kann. „Meine wichtigste Botschaft an die Menschen ist: Wartet nicht auf die Regierung oder irgendwelche Hilfsorganisationen. Macht es selbst. Farm, produce, feed yourself. It is not magic!“

Auch immer mehr Schulklassen tummeln sich auf dem Gelände von B-BOVID.

Auch immer mehr Schulklassen tummeln sich auf dem Gelände von B-BOVID.

Pionier für soziales Investment

Für seine Arbeit hat Ouedraogo bereits mehrere nationale und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Best Farmer Award 2013 in Ghana’s Western Region sowie den Social Investment Pioneer Award 2012 der Vereinten Nationen. Immer öfter hört er in letzter Zeit nun, dass man „so etwas“ auch anderswo machen müsste. „Ich habe das Pferd von hinten aufgezäumt, wie es im Deutschen so schön heißt. Sprich, ich habe kein theoretisches Konzeptpapier und keine bloße Idee abgeliefert, sondern ich habe den Praxisbeweis geliefert, dass Armutsbekämpfung mit nachhaltiger Landwirtschaft in der Realität möglich ist.

Es scheint jedoch, dass sich viele Finanziers immer noch lieber von gut klingenden Worten als von Tatsachen überzeugen lassen. Dies zu ändern, ist mein nächstes Ziel. Denn Kredite mit Zinssätzen zwischen 28 und 30 Prozent, wie wir sie hier in Ghana haben, ersticken viele Initiativen im Keim. Das Gleiche gilt im Übrigen für die Korruption“, so Ouedraogo. Doch er wäre kein Unternehmer, wenn er vor diesen Hürden kapitulieren würde. Stattdessen zitiert er zum Abschied lieber einen anderen großen Visonär, Mahatma Gandhi: „Zu vergessen, wie man die Erde umgräbt und den Boden bestellt, heißt, sich selbst zu vergessen.“

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