„In Deutschland ist alles schon fertig“

Gerald Tumnde

Gerald Tumnde

Als sein Vater im Jahr 2000 im kamerunischen Kumba stirbt, wirft Gerald Tumnde sein Studium der Energie- und Verfahrenstechnik im fernen Berlin hin. Er geht jedoch nicht nach Kamerun zurück, sondern absolviert in Gießen eine Ausbildung zum Agraringenieur. Acht Jahre später lässt er Deutschland hinter sich und übernimmt die Plantage des Vaters in Kamerun.

Gerald Tumnde kommt gerade aus Sachsen-Anhalt. Dort hat er seine Frau und seine vier Kinder besucht. Jetzt ist er wieder auf dem Rückweg nach Kamerun. Im Gepäck: neues Saatgut für Kopfsalat, ein Pasteurisierer, 2000 Flaschenkorken und jede Menge neuer Ideen. Er sagt: „Wenn ich länger weg bin von der Plantage, träume ich oft davon und kann es kaum erwarten, wieder dort zu sein, mich nützlich zu machen und Neues auszuprobieren.“

Im Südwesten Kameruns, in Mabonji, 30 Kilometer von der Stadt Kumba entfernt, erwarten Tumnde tropisches Klima und 50 Hektar Land. Dort baut er derzeit vor allem Kakao, Orangen und Kochbananen an. Zu der Plantage gehören auch 15 Hektar Wald. Der liefert Edelhölzer für die Möbelproduktion, aber auch Brennholz. Im Herzen der Plantage tut eine Ölmühle ihren Dienst. Bis zu drei Tonnen Früchte kann sie in der Stunde verarbeiten. Tumnde hat die Mühle selbst zusammengebaut und produziert damit Palmöl und Palmkernöl. Die Früchte, die er selbst zu Öl verarbeitet, kauft er von lokalen Bauern zu. Aber er presst gegen Bezahlung auch für andere. Seine Produkte verkauft der 37-Jährige derzeit ausschließlich auf dem kamerunischen Markt, doch es gibt auch erste Ideen für den Export.

Tumndes Ölmühle (links), die frisch geernteten Palmfrüchte und die Endprodukte: Palmkernöl und Palmöl.

Tumndes Ölmühle (links), die frisch geernteten Palmfrüchte und die Endprodukte: Palmkernöl und Palmöl.

Diversifizierung statt Monokulturen

„Afrika ist zu riskant, Kameruns Wirtschaft zu fragil, deshalb ist es wichtig, zu diversifizieren“, nennt Tumnde als einen der Gründe, warum er neben Altbewährtem gerne Neues ausprobiert. Den Pasteurisierer im Reisegepäck braucht er zum Beispiel, um den Orangensaft, den er seit Kurzem herstellt, haltbar zu machen. Ihn verkauft er an Hotels und Privathaushalte. „Kamerun braucht Vitamine, unsere Ernährung ist zu stärkehaltig und zu einseitig“, moniert der Agraringenieur. Abfall versucht er, wo es geht, zu vermeiden beziehungsweise wiederzuverwerten. Aus den Schalen der Orangen will er zum Beispiel ätherisches Öl herstellen. Auch die festen Abfälle aus der Palmölproduktion erfüllen einen Zweck. Sie werden zum Schutz von Baumsetzlingen oder zur Energieerzeugung eingesetzt.

Die Herstellung von Bioenergie in Afrika interessiert auch das Deutsche Biomasseforschungszentrum in Leipzig, wo Tumnde letzte Woche einen Termin hatte. Die Mitarbeiter dort haben gleich gemerkt, dass der Agraringenieur nicht nur ihre Sprache spricht und ihr Forschungsanliegen versteht, sondern dass er als praktizierender Landwirt in Afrika auch über das notwendige Praxiswissen verfügt. Kein Wunder also, dass sie ihm sofort einen Job angeboten haben. Das passiert öfter. Auch der amerikanische Agrarkonzern Herakles, der im Südwesten Kameruns gerade 70.000 Hektar Tropenwald in Palmölplantagen umwandelt und damit Umweltschützer auf den Plan ruft, hätte den Agraringenieur gerne auf seiner Gehaltsliste.

Nicht warten, bis andere kommen

„Für mich kommen solche Angebote nicht in Frage. Sie wären für mich ein Rückschritt, denn schließlich bin ich nach Kamerun zurückgegangen, um etwas Eigenes zu schaffen. Ich will es mir nicht in einem Konzern bequem machen und zum Hilfsarbeiter werden, wie das bei so vielen Ingenieuren der Fall ist. Ich will auch nicht darauf warten, dass der Staat in die Gänge kommt, oder darauf, dass zum Beispiel die Inder kommen und unser Land bewirtschaften“, erklärt Tumnde.

Dabei waren die Jahre seit seiner Rückkehr für ihn alles andere als einfach. Für die Antwort auf die Frage, was die größten Herausforderungen und Hürden waren, muss er nicht lange überlegen: „Die Mentalität der Bauern und der Neid.“ So musste Tumnde etwa die Erfahrung machen, dass Bauern, die er ein Jahr im Voraus bezahlte, damit sie ihm Früchte für die Palmölherstellung liefern, oft weit hinter den zugesagten Liefermengen zurückblieben. Heute zahlt er daher nur noch bei Lieferung.

Umgekehrt muss Tumnde immer wieder auf die Bezahlung der von ihm gelieferten Ware warten. Ein Abnehmer schuldet ihm momentan beispielsweise noch das Geld für zehn Tonnen Palmöl. „Sobald ich zurück in Kamerun bin, muss ich mich ihm wieder auf die Fersen heften“, so Tumnde, der bei allen Widrigkeiten aber erstaunlich gelassen bleibt und dafür auch eine Erklärung parat hat: „Vielleicht muss es all diese Probleme geben, damit ich stark werde.“

Zwei von Tumndes „cash crops“: Kakao und Orangen. Rechts eines von vielen Experimentierfeldern. Aus den Wurzeln dieser Pflanzen soll Ingwerbier entstehen.

Zwei von Tumndes „cash crops“: Kakao und Orangen. Rechts eines von vielen Experimentierfeldern. Aus den Wurzeln dieser Pflanzen soll Ingwerbier entstehen.

Der Neid einiger seiner Landsleute trifft Tumnde besonders hart. Denn dieser Neid war einer der Gründe, weshalb seine deutsche Frau, die mit ihm nach Kamerun gekommen war, sich erst einmal eine Auszeit genommen hat. Mit den gemeinsamen Kindern ging sie nach Deutschland zurück, um ihre Erfahrungen in Mabonji zu verdauen. „Wenn du aus dem Ausland zurückkommst, jung, gut ausgebildet und motiviert bist und dann auch noch eine deutsche Frau an deiner Seite hast, musst du mit Neid rechnen. Viele konnten beispielsweise nicht glauben, dass ich meine Ölmühle selbst auf die Beine gestellt habe, und gönnten mir die ersten Erfolge nicht. Insbesondere der Betreiber einer staatlichen Firma hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Um meine Palmfrüchte bei bestimmten Bauern abzuholen, musste ich zum Beispiel staatliches Gebiet passieren. Die Durchfahrt wurde mir des Öfteren erschwert, sodass die Früchte, die ich abholen wollte, oft vergammelten. Das allein hat mich viele tausend Euro gekostet“, so Tumnde.

Fallen und wieder aufstehen

Ausdauer und Geduld sind nach den Erfahrungen von Gerald Tumnde die wichtigsten Voraussetzungen, die Auslandskameruner, die nach Kamerun zurückkommen und dort wieder Fuß fassen möchten, mitbringen sollten. „Insbesondere wenn man in Kamerun als Unternehmer aktiv werden möchte, wird man fallen. Nicht ein- oder zweimal, sondern des Öfteren. Dann gilt es, wieder aufzustehen und weiterzumachen.“ Tumnde meint, dass es im Schnitt etwa vier Jahre dauert, bis ein Unternehmen seiner Größenordnung richtig Fuß fasst und schwarze Zahlen schreibt.

Das notwendige Startkapital ist eine weitere Einstiegshürde – vor allem angesichts der horrenden Zinsen für Kredite, die in Kamerun derzeit bei rund 21 Prozent liegen. Auch Tumnde könnte mehr Kapital und mehr Land gut gebrauchen, um seine vielen Ideen umzusetzen und zu expandieren. Andererseits sagt er: „Mein Unternehmen wächst eben langsam, und keine Investoren an Bord zu haben, gibt einem oft auch mehr Freiheit.“

Natur und deutsche Technik: Gerald Tumnde bei der Arbeit auf seiner Plantage.

Natur und deutsche Technik: Gerald Tumnde bei der Arbeit auf seiner Plantage.

Gerald Tumnde kann sich nichts Besseres vorstellen, als in der Natur zu arbeiten und ihr durch die intelligente Anwendung von Technik ihr Bestes zu entlocken. „Mein Studium in Deutschland hat mir lediglich den Kopf geöffnet, jetzt geht es darum, hier in Kamerun die Faktoren Land, Kapital, Arbeit, Know-how und Technik geschickt zu kombinieren und daraus einen Mehrwert für das Land zu schaffen. Das gilt für die Landwirtschaft, aber auch für andere Sektoren. In Deutschland ist alles schon fertig, aber hier lässt sich noch vieles formen.“

Diese Überzeugung gibt Tumnde auch an die Studenten der katholischen Hochschule in Buea weiter. Dort lehrt er zweimal pro Woche Produktionsökonomie. Manchmal versucht er auch den Unternehmergeist in seinen Studenten zu wecken, indem er etwa rät: „Schafft mit eurem Geld lieber etwas Produktives, anstatt euch ein fettes Auto aus dem Ausland zu kaufen.“