Solar-Know-how made in Germany

Serge Armand Etoundi (Mitte)

Serge Armand Etoundi (Mitte)

In Kamerun kommt es immer wieder zu mehrstündigen Stromausfällen. Denn das öffentliche Stromnetz kann den stetig wachsenden Bedarf an Elektrizität nicht decken. Der in Deutschland ausgebildete Elektroingenieur Serge Armand Etoundi will Abhilfe schaffen. Mit Solarstrom.

Als Serge Armand Etoundi noch Student war, gab er Monat für Monat rund 100 Euro für Telefonate nach Kamerun aus. Neun Jahre lang. So viele Jahre hat Etoundi in Deutschland gelebt. Nach seinem Sprachkurs in Kaiserslautern begann er an der dortigen Universität ein Studium der Elektrotechnik. „Zu viel Theorie, zu wenig Praxis“, bringt es Etoundi auf den Punkt, weshalb er von der Universität an die Fachhochschule und von Kaiserslautern nach Köln und schließlich nach Frankfurt am Main wechselte.

„Dieser Wechsel war mein Glück“, sagt Etoundi. „Ich weiß noch, wie mich Professor Joachim Lämmel an der Fachhochschule in Frankfurt eines Tages nach dem Unterricht abfing. Er sagte: ‚Sie wurden mir empfohlen. Ich habe ein interessantes Thema für eine Diplomarbeit zu vergeben und suche schon länger jemanden, der wie Sie gute Mathematikkenntnisse hat.‘“ Auf dem Dach der Frankfurter Fachhochschule hatte Lämmel ein Solarlabor mit vier verschiedenen Photovoltaikanlagen aufgebaut, die Energie ins Stromnetz einspeisten. Deren Effektivität und Varianz bei unterschiedlicher Sonneneinstrahlung sollte Etoundi im Rahmen einer praktischen Abschlussarbeit untersuchen.

Das war im Jahr 2005, als erneuerbare Energien noch nicht in aller Munde waren und eine Spezialisierung auf Solarenergie noch keine rosigen Karriereaussichten versprach – nicht in Deutschland und auch nicht anderswo. „Solarenergie könnte ein spannendes Zukunftsthema sein, gerade für Afrika“, gab der Professor seinem Studenten zu bedenken und konnte ihn damit für sein Thema begeistern. Lämmel wusste – oder ahnte zumindest –, dass es Etoundi nach dem Studium wieder nach Kamerun zurückziehen würde. Und er wusste auch, dass das Land mit seiner Lage am Äquator für die Herstellung von Solarstrom geradezu prädestiniert ist. Von Etoundi selbst sagt Lämmel: „Er war ein sehr ruhiger und besonnener Student. Er überlegte immer erst eine Weile. Das hat mir besonders an ihm gefallen.“

Serge Armand Etoundi (ganz links) bei einer Exkursion während seines Studiums in Frankfurt. Dritter von links: Professor Joachim Lämmel.

Serge Armand Etoundi (ganz links) bei einer Exkursion während seines Studiums in Frankfurt. Dritter von links: Professor Joachim Lämmel.

Der Ruf zurück

Für Etoundi stand in der Tat immer fest, dass er nach seinem Studium in Deutschland wieder nach Kamerun zurückgeht. „Ich verdanke Deutschland alles, aber nachdem ich meinen Abschluss als Ingenieur in der Tasche hatte und ich mir auch viel praktisches Wissen angeeignet hatte, beschlich mich sofort dieses Gefühl ‚Was machst du hier noch?‘“, erinnert sich Etoundi. Das Gefühl, zu Hause mehr gebraucht zu werden als in einem hochentwickelten Land wie Deutschland, teilt Etoundi mit vielen Auslandskamerunern.

Heute ist Serge Etoundi sein eigener Chef. In Kameruns Hauptstadt Yaoundé betreibt er seit 2011 die Firma > Sun-Bio-Technology, die Solarprodukte verkauft und Solaranlagen plant und installiert. Sein Tag beginnt morgens um fünf. „Ich brauche nicht so viel Schlaf. Es ist, als hätte ich die vielen Nachtschichten, die ich in Deutschland geschoben habe, immer noch im System“, lacht der 42-Jährige. Um seinen Aufenthalt in Deutschland zu finanzieren, hat Etoundi immer gejobbt. Mal auf dem Bau, mal als Fabrikarbeiter, mal als Elektroinstallateur. „Das war eine harte Zeit. Ich hatte nie Urlaub, dafür aber großes Heimweh – und eine hohe Telefonrechnung“, so Etoundi.

Serge Etoundi zurück in Kamerun: hier im Büro seiner Firma in Yaoundé.

Serge Etoundi zurück in Kamerun: hier im Büro seiner Firma in Yaoundé.

Zurück in Kamerun war Etoundi zunächst für einen großen Zuckerhersteller tätig. Schon nach kurzer Zeit bekam er das Angebot, für dieselbe Firma in Kongo-Brazzaville zu arbeiten. Etoundi schlug das Angebot aus. Er sagt: „Da hätte ich ja auch gleich in Deutschland bleiben können.“ Es folgten zwei weitere Arbeitgeber, bis Etoundi das Gefühl hatte, genug Arbeitserfahrung in Kamerun gesammelt zu haben, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Zudem schien sich nun auch in Kamerun ein Markt für Solarprodukte zu entwickeln.

Denn auf den Straßen der Städte kam es mittlerweile immer wieder zu Protesten gegen Stromausfälle. Die unzuverlässige Energieversorgung macht nicht nur die Menschen mürbe, sondern lähmt vor allem auch die Wirtschaft. „Aus diesem Grund, aber auch weil Energie immer teurer wird und auch die Umweltprobleme zunehmen, wächst allmählich das Interesse an erneuerbaren Energien“, erklärt Etoundi.

Diese positive Entwicklung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Gros der Kameruner Solarstrom und -anlagen nicht leisten kann. Das gilt insbesondere für rund acht Millionen Kameruner, die in ländlichen Regionen leben. Dabei würde Solarstrom gerade deren Lebensqualität enorm verbessern. Laut Weltbankstatistik hat auf dem Land gerade einmal jeder Siebte überhaupt Zugang zu Strom. Und der kommt in der Regel eben nicht aus der Steckdose, sondern meist von einem lärmenden und stinkenden Generator, der mit Diesel betrieben werden muss.

Naturstrom statt Diesel und Kerosin

„Fakt ist, dass die größte Nachfrage aus den Städten kommt, weil hier die kaufkräftigen Privat- und Geschäftsleute leben, die sich mit einer autarken Solaranlage gegen die regelmäßigen Stromausfälle wappnen wollen. Aus diesem Grund sitzt auch mein Unternehmen in der Stadt“, sagt Etoundi.

Erschwinglicher als Solaranlagen für die Stromversorgung von ganzen Haushalten sind Solarlampen. Sie werden insbesondere auf dem Land, aber auch in Städten derzeit stark nachgefragt, weil sie langfristig günstiger und auch weniger gesundheitsschädlich sind als die weitverbreiteten Kerosinlampen. Mit diesen Solarlampen macht Etoundi derzeit rund 70 Prozent seines Umsatzes.

Werbeplakat von Serge Etoundis Firma Sun-Bio-Technology

Werbeplakat von Serge Etoundis Firma Sun-Bio-Technology

Seine Produkte und sein Material bezieht Etoundi hauptsächlich aus Spanien und China. Die Preise für die Herstellung von Photovoltaikmodulen sind in den letzten Jahren zwar weltweit gesunken, doch zu Buche schlagen auch die Kosten für Transport, Zölle, Installation und Wartung. „Neben der Tatsache, dass Solaranlagen in der Anschaffung hier einfach noch zu teuer sind, sind mein größtes Problem derzeit die langen Lieferzeiten“, sagt Etoundi. Die Batterien, die er in seine Solaranlagen einbaut, kommen per Schiff aus China. Sie sind im Schnitt 55 Tage unterwegs.

Dass Etoundi momentan keine Ware aus Deutschland bezieht, liegt nicht allein daran, dass Spanien und China günstiger produzieren. „Deutsche Unternehmen haben leider kein Interesse am kamerunischen Markt“, bedauert der in Deutschland ausgebildete Ingenieur, der mehr als einmal das Gespräch mit deutschen Unternehmen in der Solarbranche gesucht hat. Dabei könnten in Deutschland ausgebildete Kameruner deutsche Unternehmen dabei unterstützen, neue Märkte in Afrika zu erschließen. „Aber auf dem Auge ist Deutschland bisher leider noch blind“, fasst Etoundi seine Erfahrungen zusammen.

Wettbewerbsvorteil: fundiertes Wissen

Drei Mitarbeiter beschäftigt Sun-Bio-Technology mittlerweile. Etoundi erklärt, was sein Unternehmen von Konkurrenten unterscheidet: „Wir verfügen über fundiertes Know-how, das schon bei der Erstberatung des Kunden, bei der Auswahl des richtigen Produkts notwendig ist und später dann auch bei der erfolgreichen Installation und Wartung.“ Dieses Know-how fehlt anderen Anbietern oft noch, sodass es nicht selten zu Komplettausfällen installierter Anlagen kommt. Das mindert das Vertrauen in die Solarenergie und liefert Skeptikern Argumente.

Etoundi wäre kein Unternehmer, wenn er nicht bereits Pläne schmieden würde, bestimmte Bauteile in naher Zukunft in Kamerun selbst zu fertigen, anstatt sie aus dem Ausland zu beziehen. Mit zwei anderen kamerunischen Ingenieuren, die noch in Deutschland sind, aber ebenfalls nach Kamerun zurückwollen, tüftelt er an ersten Ideen.

Für Etoundis früheren Professor Joachim Lämmel sind Menschen wie Serge Etoundi wichtige Multiplikatoren, die das Wissen darum, dass Öl, Gas, Kohle und auch Uran endlich sind, in ihre Länder tragen und dort erneuerbaren Energien auf die Beine helfen. Lämmel gibt jedoch zu, dass er in dem nachdenklichen Studenten damals im Studium eher keinen Unternehmer gesehen hat, und freut sich deshalb umso mehr über dessen Erfolg. „Serge Etoundi will Dinge verändern und tut das auf seine ruhige Art. Er trägt es nicht offen zur Schau, aber er tut es offensichtlich. Das gefällt mir noch heute an ihm.“