„Die große Bürde der Jobsuche fällt plötzlich weg“

Mery Fernández, Edwin Rojas und Diego Alzate

Auch wenn es vielleicht ein wenig makaber klingt, aber für Mery Fernández, Edwin Rojas und Diego Alzate war beziehungsweise ist die Zunahme extremer Wetterereignisse in Kolumbien ein „window of opportunity“. Nach einer gemeinsamen Fortbildung in Deutschland beschlossen die drei Kolumbianer vor zweieinhalb Jahren, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

 

 

„Früher hat sich kaum ein Kolumbianer für das Wetter oder das Klima interessiert. Mit der Zunahme von Hitzewellen, Trockenheit und Wassermangel einerseits und sintflutartigen Regenfällen und Erdrutschen andererseits hat sich das geändert. Kolumbien zählt heute leider zu den vom Klimawandel am meisten betroffenen Ländern“, sagt der Forstingenieur Diego Alzate. Gemeinsam mit dem Physiker Edwin Rojas und der Geographin Mery Fernandez hat er das Unternehmen Meteoagro S.A.S. ins Leben gerufen.

Klimawandel und Agrarmeteorologie
Aufgrund des Klimawandels werden die Erhebung von Klimadaten, deren Dokumentation und die sich aus der Datenanalyse ergebenden Prognosen immer wichtiger – für ein besseres allgemeines Klimaverständnis, als Grundlage für wichtige Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Landwirtschaft und für eine angemessene Reaktion bei wetterbedingten Katastrophen. Die Agrarmeteorologie spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Sie beschäftigt sich mit der Erhebung und Auswertung von Wetter-, Klima- und Wasserdaten für die Land- und Forstwirtschaft.
Edwin Rojas (links) und Diego Alzate mit ihrem neuesten Produkt: einem unbemannten Luftfahrzeug, mit dem Landwirte ihre Anbauflächen besser kontrollieren können.

Edwin Rojas (links) und Diego Alzate mit ihrem neuesten Produkt: einem unbemannten Luftfahrzeug, mit dem Landwirte ihre Anbauflächen besser kontrollieren können.

Den Entschluss zur Unternehmensgründung fassten die drei Kolumbianer bei einer einjährigen Fortbildung zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel, welche die drei 2012 in Deutschland absolvierten. „Dort haben wir gemeinsam mit acht weiteren Stipendiaten aus anderen Andenländern theoretisch und auch praktisch alles rund um das Thema Agrarmeteorologie gelernt und uns ein erstes kleines Netzwerk an Kontakten aufgebaut“, so der 31-jährige Alzate. Die Fortbildung war ein Angebot des Deutschen Wetterdienstes und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und fand im Rahmen eines internationalen Trainings für Führungskräfte statt.

Große Nachfrage in Kolumbien

Wetterstation

Diego Alzate (rechts) bei der Installation einer Wetterstation, die Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit misst.

Seit nun schon zweieinhalb Jahren stellt das Unternehmen Meteoagro Technik und Know-how zur Verfügung, damit Wetter- und Klimainformationen in Kolumbien erhoben und für die Landwirtschaft und den Katastrophenschutz nutzbar gemacht werden können. Potenziale und Nachfrage gibt es genug. Kolumbien ist dreimal so groß wie Deutschland und hat vier Wetterstationen. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 182 hauptamtliche und zahlreiche ehrenamtliche Wetterstationen. „Außerdem haben wir nur einen schwachen nationalen Wetterdienst – mit einer Institution wie dem Deutschen Wetterdienst gar nicht zu vergleichen. Aber nicht nur weil vielerorts die Technik und das Know-how fehlen, ist es in Kolumbien immer noch schwierig, valide Klimadaten zu erheben und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die damit verbundenen Kosten sind ein anderes wesentliches Hindernis“, erklärt Alzate.

Landwirte und Mery Fernández (2. von rechts) nach der Installation einer low-cost Wetterstation in der Region Boyaca.

Landwirte und Mery Fernández (2. von rechts) nach der Installation einer low-cost Wetterstation in der Region Boyaca.

Die drei Gründer von Meteoagro haben dank ihrer unterschiedlichen Fachkenntnisse, die sich gut ergänzen, und dank ihrer Fortbildung in Deutschland das Wissen, das andere Anbieter in Kolumbien ihren Kunden nicht bieten können. „Wir bemühen uns außerdem darum, die Kosten stets so niedrig wie möglich zu halten, denn die Kaufkraft in Kolumbien ist nicht die gleiche wie etwa in Europa – das sollten auch Unternehmensgründer in anderen Branchen unbedingt berücksichtigen“, sagt Alzate. „Das Produkt oder die Dienstleistung, die man anbietet, muss für den kolumbianischen Markt unbedingt erschwinglich sein. Ansonsten ist die beste Geschäftsidee dem Untergang geweiht. Auch deshalb ist es so wichtig, sein Produkt vorab auf dem lokalen Zielmarkt zu testen.“

Innovative Produkte

Momentan arbeitet Meteoagro zum Beispiel an einer Drohne bzw. an einem unbemannten Luftfahrzeug. In der Landwirtschaft sehen Experten für den Einsatz solcher Luftfahrzeuge große Potenziale. Mit Hilfe von Infrarot-Aufnahmen aus der Luft können Landwirte genau orten, wo sich kranke oder vertrocknete Pflanzen befinden. Während gesunde Pflanzen die Strahlung reflektieren, tun kranke Pflanzen dies nicht. „Die Einzelteile für unser neues Produkt kaufen wir in Asien ein, zusammengebaut wird das Ganze dann in Kolumbien“, erklärt Alzate die Strategie des in Bogotá ansässigen Unternehmens, die zu einem erschwinglichen Preis führt.

Diego Alzate (Mitte) erklärt kolumbianischen Zuckerrohr-Farmern, wie man Wetter- und Klimadaten liest und daraus die richtigen Schlüsse für die eigene Arbeit zieht.

Diego Alzate (Mitte) erklärt kolumbianischen Zuckerrohr-Farmern, wie man Wetter- und Klimadaten liest und daraus die richtigen Schlüsse für die eigene Arbeit zieht.

Wie umfangreich das Gesamtpaket ist, das Meteoagro anbietet, lässt sich an einem Projekt im kolumbianischen Departamento de Norte de Santander sehen. Dort hat Meteoagro gemeinsam mit den lokalen Akteuren ein Frühwarnsystem für extreme Wetterereignisse aufgebaut – um Risiken für Mensch und Natur künftig besser in den Griff zu bekommen. „Vor unserer Zusammenarbeit wusste dort niemand etwas mit den Begriffen Klimawandel oder Anpassung an den Klimawandel anzufangen. Das haben wir mit Hilfe von Schulungen geändert. Als Nächstes haben wir die Technik zur Erfassung notwendiger Klimadaten geliefert und installiert und sichergestellt, dass die erfassten Daten mit relevanten Frühwarnsystemen und Onlineplattformen verknüpft werden. Wir kümmern uns auch um die Wartung und beantworten sämtliche Fragen, die auftauchen“, beschreibt Alzate das Gesamtpaket.

Während andere Unternehmer viel von unternehmerischen Risiken und Zukunftssorgen sprechen, hat Diego Alzate eine ganz andere Sicht auf sein Dasein als Unternehmer: „Die meisten Kolumbianer verbringen mental und auch physisch sehr viel Zeit damit, einen guten oder einen besseren Job zu finden. Wenn du Unternehmer bist, fällt diese Bürde plötzlich weg. Es mag komisch klingen, aber als Unternehmer habe ich persönlich weniger Sorgen um meine Zukunft, als ich das als abhängig Beschäftigter hatte. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Ich habe das Gefühl, die Dinge selbst in der Hand zu haben.“