„Made in Morocco“ statt „Made in Italy“

Aziz Chiki

Aziz Chiki

Nach 22 Jahren in Deutschland entschließt sich Aziz Chiki dazu, in Marokko ein Unternehmen zu gründen. In Deutschland ist er Ingenieur für Telekommunikationstechnik. In Marokko will er Olivenöl produzieren – so wie schon sein Vater und auch sein Großvater, aber dennoch eben anders.

Die diesjährige Ernte in Sidi Bousber war schlecht. 50 Prozent weniger Oliven als in den vorherigen Jahren. Die Launen der Natur. Mit ihnen muss Aziz Chiki sich abzufinden lernen. Sidi Bousber ist ein kleines Städtchen im Norden Marokkos, genauer gesagt: in der Provinz Ouezzane, die für ihr hochwertiges Olivenöl bekannt ist. Seit mehreren Jahren pendelt der selbstständige IT-Berater nun schon zwischen Düsseldorf und Sidi Bousber hin und her. „Die Idee, in Marokko in die Olivenölproduktion einzusteigen, habe ich fast zehn Jahre mit mir herumgetragen“, sagt der 40-Jährige. Seine Firma „HAWD S.a.r.l.“, die er vor zwei Jahren gegründet hat, beschäftigt in der drei- bis viermonatigen Erntesaison bereits 30 Mitarbeiter. Die Hälfte davon kümmert sich um die Technik der Produktionsanlage, die andere Hälfte um die Oliven.

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Selbst mitanpacken. Aziz Chiki (rechts) bei der Olivenernte in Sidi Bousber.

Was treibt einen, der in Deutschland als Computernetzwerk-Spezialist Menschen mittels Technik verbindet, in Marokkos Landwirtschaft? Die Familientradition? „Ich will in meiner Heimatstadt etwas zum Besseren verändern, das Einkommen der Olivenbauern verbessern, neue Arbeitsplätze schaffen, umweltfreundlichere Herstellungsmethoden einführen“, nennt Chiki seine Beweggründe.

Die Bauern, mit denen er zusammenarbeitet, sollen mittelfristig zum Beispiel ein Drittel mehr für ihre Arbeit und ihre Oliven bekommen. Chiki ist davon überzeugt, dass das machbar ist. „Damit für Qualitätsöle allerdings auch angemessene Preise gezahlt werden, müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit bei den Endverbrauchern und auch bei den Olivenbauern leisten“, so Chiki.

„Made in Morocco“ statt „Made in Italy“

Ölmühle in Marokko

Chikis Olivenöl auf dem Weg vom Fass in die Flasche.

Gerade bei Olivenöl wird der Verbraucher oft über den Tisch gezogen. Wo minderwertiges Öl drin ist, steht nicht selten das höchste Qualitätsprädikat „extra vergine“ drauf. Dabei lässt sich ein Extravergine-Öl nur mit pflückfrischen Oliven und unter optimalen agronomischen und technologischen Bedingungen herstellen. Hartnäckig hält sich zudem die Überzeugung, dass italienisches Olivenöl das beste ist. Das führt dazu, dass unter italienischen Namen auch Öle aus Drittländern wie etwa Marokko, Spanien, Griechenland oder der Türkei vermarktet werden. Warum hochwertiges Öl aus Marokko also nicht selbst zu einem guten Preis vermarkten, anstatt es zum Beispiel den Italienern in die Flaschen zu füllen, die mit ihren eigenen Oliven noch nicht einmal die Nachfrage in Italien selbst befriedigen können?

Chiki hat sich die Olivenproduktion in der Toskana genau angeschaut, wie er überhaupt sehr extensive Recherchen im Vorfeld seiner Unternehmensgründung betrieben hat. Auch über „Geschäftsideen für Entwicklung“ hat er wertvolle Tipps und Kontakte erhalten. Viel Zeit gekostet hat ihn die Suche nach den richtigen Partnern. 1,2 Millionen Euro hat er zusammen mit ihnen bisher in die Firma in Sidi Bousber investiert. Seine Partner sind alle wie er in Deutschland ausgebildete marokkanische Ingenieure, die langfristig denken, die auf Qualität setzen und die davon überzeugt sind, dass sich diese Qualität nur mit technisch ausgefeilten, umweltfreundlichen Herstellungsmethoden erzielen lässt.

Die Produktionsanlage von Aziz Chiki schont die Umwelt. Sie kann täglich bis zu 70 Tonnen Oliven verarbeiten und verbraucht 80 Prozent weniger Wasser als herkömmliche Anlagen und Methoden in Marokko.

Die Produktionsanlage von Aziz Chiki schont die Umwelt. Sie kann täglich bis zu 70 Tonnen Oliven verarbeiten und verbraucht 80 Prozent weniger Wasser als herkömmliche Anlagen und Methoden in Marokko.

Zu den größten Herausforderungen in Sidi Bousber zählt die schlechte Verkehrsanbindung. Immerhin müssen die Bauern, die ihre Oliven an Chiki abgeben, diese nun nicht mehr wie früher 45 Kilometer bis zur nächsten Verarbeitungsanlage bringen und dort übernachten, bevor sie den Rückweg antreten können. Solche ersten Verbesserungen und auch die Tatsache, dass Chiki in Sidi Bousber aufgewachsen ist und die Sprache der Menschen spricht, haben ihm geholfen, als Jungunternehmer in Marokko Akzeptanz zu finden. Denn natürlich stellt er mit seinen neuen Ideen aus dem Ausland Althergebrachtes manchmal auch in Frage. Sein bisheriges Resümee: „Die Arbeit ist hart, die Nächte sind kurz, aber meine neue Aufgabe hier in Marokko macht mich zufrieden und auch stolz.“

Ein gutes Konzept, die richtigen Partner und viel Geduld

Ein gutes Konzept, die richtigen Partner und viel Geduld sind laut Chiki die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmensgründung in Marokko. Allein die Genehmigung für sein Unternehmen zu bekommen, hat ihn zwei Jahre gekostet. Beratern, die sich ihm als Experten für Olivenanbau anpriesen, fehlte meist das notwendige Wissen, sodass Widersprüche sein ständiger Begleiter waren. Es gibt jedoch einen Widerspruch, der den Unternehmer am meisten wurmt: „Wenn du in Marokko versuchst, dich an die Regeln zu halten, legen dir manche Leute mehr Steine in den Weg, als wenn du dich nicht an die Regeln hältst. Es ist verrückt, aber Geradlinigkeit und nachhaltiges Denken sind hier nicht gefragt.“

Dieses Jahr fiel die Olivenernte in Sidi Bousber bescheiden aus, weil die Natur schlecht gelaunt war. Aziz Chiki aber ist alles andere als schlecht gelaunt. Er blickt optimistisch in die Zukunft. Im nächsten Jahr will er mit seiner Firma HAWD S.a.r.l. erstmals Gewinne erzielen.