Die Energierevolution aktiv mitgestalten

Sofiane Kallel (rechts) und sein Geschäftspartner Mejdi Kilani.

Sofiane Kallel (rechts) und sein Geschäftspartner
Mejdi Kilani

Vor einer Woche hat die Firma „Shams Technology“ in Tunesien eine Produktionsstätte für Solarmodule eröffnet. Einer der beiden Firmengründer ist Sofiane Kallel. Er hat lange in Deutschland gelebt und dort mit Hilfe eines Stipendiums der tunesischen Regierung studiert. „Shams Technology“ ist bereits das dritte Unternehmen, das der ambitionierte 45-Jährige mit ins Leben gerufen hat.

„Shams“ bedeutet im Arabischen „Sonne“. Mit der Kraft der Sonne und über seine Tochterfirma Shams Energy Access setzt Shams Technology seit 2013 Projekte mit erneuerbaren Energien um. Das heißt hauptsächlich mit der Kraft der Sonne, aber auch mit Wind und Biomasse. Zum Leistungsangebot der Firma zählen sowohl die Planung und Umsetzung von Projekten als auch deren Nachbetreuung und Wartung – und seit einer Woche nun eben auch die Produktion von Solarmodulen.

Team von Shams Energy Access, das Solarmodule installiert.

Das Team von Shams Energy Access, das Solarmodule installiert.

So fing alles an: Offshoring im IT-Sektor

Eigentlich ist Sofiane Kallel gelernter IT-Ingenieur. Bereits während seines Studiums in Deutschland begann er, bei einer deutschen IT-Firma als Software-Entwickler zu arbeiten, und stieg dort später zum Projektleiter auf. In Kooperation mit ebendieser Firma hat der Tunesier dann ein Offshore-Unternehmen in Tunesien aufgebaut und zuletzt sechs Mitarbeiter beschäftigt. „Wir haben ausschließlich für deutsche Kunden gearbeitet. Das heißt, ich bin fünf Jahre zwischen Deutschland und Tunesien gependelt“, erinnert sich Kallel.

Als der Inhaber der deutschen IT-Firma jedoch 2005 starb und diese von einem anderen Unternehmen übernommen wurde, entschied Kallel, sein Business zu schließen und sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen. Er sagt: „Das neue Unternehmen hatte bereits Offshore-Ableger in Rumänien und Indien, deshalb war für sie der Standort Tunesien nicht mehr attraktiv. Zu teuer. Zudem habe ich im IT-Sektor kein großes Entwicklungspotenzial mehr für mich gesehen. Die IT-Branche ist sehr schnelllebig und wird ständig überflutet mit neuen Technologien, mit neuen Programmiersprachen und auch mit gut ausgebildeten jungen Leuten, zu denen aufzuholen mit zunehmendem Alter immer schwerer wird.“

Zeit der Revolution: in der Politik und im Energiesektor

Kallels nächste Station als Unternehmer war ein Automobilzulieferbetrieb, den er mitgründete und bei dem er als stellvertretender Geschäftsführer arbeitete. „Nach dem Beginn der Revolution in der arabischen Welt ging es mit der Firma jedoch bergab, denn mit Libyen brach uns unser wichtigster Absatzmarkt plötzlich weg. Das heißt, mit der Arabellion waren gewissermaßen auch ich und meine unternehmerische Laufbahn einmal mehr im Umbruch“, erklärt Kallel.

Shams Energy Access setzt vor allem auf das große Potenzial von Sonnenenergie in Tunesien. Der "Solarplan" des Landes sieht vor, bis zum Jahr 2030 den Anteil erneuerbarer Energien im tunesischen Energiemix auf 30 Prozent zu steigern.

Shams Energy Access setzt vor allem auf das große Potenzial von Sonnenenergie in Tunesien. Der „Solarplan“ des Landes sieht vor, bis zum Jahr 2030 den Anteil erneuerbarer Energien im tunesischen Energiemix auf 30 Prozent zu steigern.

Bereits vor der politischen Revolution kündigte sich in Tunesien ein Umdenken im Energiesektor an. Das Bewusstsein für die großen Potenziale von erneuerbaren Energien wuchs. Deshalb fing Kallel an, sich intensiv mit den Geschäftspotenzialen in diesem Sektor auseinanderzusetzen. Er besuchte internationale Fachmessen und begann, Machbarkeitsstudien zu erstellen. Kallel räumt außerdem ein: „In dieser Zeit hatte ich auch das große Glück, meinem heutigen Geschäftspartner zu begegnen. Dieser hatte wie ich lange Zeit in Europa gelebt und war ebenfalls bewusst nach Tunesien zurückgekehrt – eine wichtige Erfahrung im Leben, die uns verband. Er brachte aufgrund seiner Spezialisierung im Energiesektor außerdem viel Know-how, Berufserfahrung und wertvolle Kontakte in unsere Geschäftspartnerschaft ein.“

Gefragt nach den Dingen, die den Unternehmer in Europa und insbesondere in Deutschland geprägt haben, nennt Sofiane Kallel vier wesentliche Dinge:

Umweltbewusstsein und grünes Denken: „Ich gehörte beispielsweise zu den ersten Menschen in Tunesien, die sich 2010 eine Photovoltaikanlage auf dem Dach installieren ließen.“

Der hohe Wert von Qualität: „Der spielt für Unternehmenserfolg auch in Schwellenländern wie Tunesien eine immer größere Rolle. Ein zufriedener Kunde bringt uns drei bis vier Neukunden.“

Klarheit in der Kommunikation: „In Deutschland habe ich gelernt, Probleme offen und direkt anzusprechen. Das wirkt sich nicht nur auf mein Privatleben positiv aus, sondern auch auf die Beziehung zu meinen Mitarbeitern und zu meinem Geschäftspartner.“

Respekt vor anderen: „Der Grundsatz des Zusammenlebens ‚Meine Freiheit und mein Recht enden dort, wo die Freiheit und das Recht des anderen beginnen‘, den ich in Deutschland erfahren habe, kommt mir in Tunesien oft zu kurz. Die Revolution hat bei vielen den Glauben an die grenzenlose Freiheit jedes Einzelnen genährt. Dabei gilt es gerade jetzt, wo Tunesien vor großen Herausforderungen steht, nicht nur an sich zu denken und etwa das Weite zu suchen. Wir alle sollten aktiv an der Revolution mitarbeiten und versuchen, neue Perspektiven für unser Land und vor allem auch für die junge Generation zu schaffen.“

Sofiane Kallel (vierter von links) mit den Mitarbeitern von Shams Technology in Kairouan.

Sofiane Kallel (vierter von links) mit den Mitarbeitern von Shams Technology in Kairouan.

Soziale Verantwortung statt Flucht

Diese Überzeugung ist einer der Gründe, warum sich die neue Produktionsstätte von Shams Technology nicht wie der Hauptsitz der Firma in Tunis befindet, sondern 150 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, in der strukturschwachen Region Kairouan. In der Hauptstadt beschäftigt das Unternehmen derzeit 35 Mitarbeiter, in Kairouan 25. „Wir starten unsere Produktion mit einer Schicht. Wenn alles gut läuft, wollen wir bald drei Schichten fahren und könnten dann natürlich weitere Arbeitsplätze schaffen“, sagt Kallel.

Und so schaut die Produktionsstätte, in der Shams Technology seit Kurzem Solarmodule made in Tunesia produziert, von innen aus.

Und so schaut die Produktionsstätte, in der Shams Technology seit Kurzem Solarmodule made in Tunesia produziert, von innen aus.

Der Unternehmer hat keinen Zweifel daran, dass seine Firma mit anderen Firmen auf dem internationalen Markt und insbesondere mit chinesischen Konkurrenten mithalten kann. „Die härteste Nuss, die mein Geschäftspartner und ich knacken mussten, war, mögliche Geldgeber von unserem Vorhaben zu überzeugen. Es kommt einem manchmal so vor, als fehle Tunesien ein bisschen der Glaube an sich selbst.“ Dabei hapere es nach Aussage des Unternehmers ganz und gar nicht an motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern in Tunesien, an Menschen, die an sich und ihr Land glauben. Das Hauptproblem seien vielmehr die langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie.

Geduld, Zähigkeit und Beharrlichkeit

Gefragt nach den Eigenschaften, die in Deutschland lebende Tunesier, die sich mit dem Gedanken tragen, in Tunesien ebenfalls ein eigenes Unternehmen zu gründen, unbedingt mitbringen sollten, sagt der Unternehmer deshalb auch, ohne lange nachzudenken: „Geduld, Zähigkeit und Beharrlichkeit sind das Wichtigste für unternehmerischen Erfolg in Tunesien. Wer diese Eigenschaften mitbringt, wird den Schritt zurück nach Tunesien und in die Selbstständigkeit nicht bereuen. Zumindest habe ich ihn bisher nicht bereut.“