„Warum eigentlich nicht?“

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Amel Saidane

Amel Saidane hätte es auch einfacher haben können. Die in Deutschland ausgebildete Elektroingenieurin arbeitete nach ihrer Rückkehr von Deutschland nach Tunesien zunächst bei Siemens Tunesien. Dort finanzierte man der talentierten jungen Frau einen Master in „Digital Business“. Auch bei ihrem nächsten Arbeitgeber, Microsoft Tunesien, landete sie schnell im High-Potential-Programm und kletterte die Karriereleiter empor. Und dann? Dann kam die Revolution.

„Die Revolution änderte alles. In dieser aufgeheizten emotionalen Stimmung fassten viele den Entschluss, die Veränderung des Landes nicht anderen zu überlassen, sondern selbst mit anzupacken. Und ich war eine von ihnen“, erinnert sich die heute 37-Jährige. „Mein Ansatz war: mit digitalen Technologien Unternehmen und die Gesellschaft verändern oder ihnen zumindest neue Impulse geben. Warum nicht intelligentes Outsourcing statt klassisches Outsourcing? Warum nicht eigene Ideen und Produkte entwickeln und sie ans Ausland verkaufen, statt Ideen von anderen für wenig Geld umzusetzen?“, sagt Saidane. Mit anderen hoch qualifizierten Experten aus Tunesien und Großbritannien gründete sie aus dieser Überlegung heraus das Unternehmen SlickStone.

Sicher hätte Saidane diese Vision ein Stück weit auch im Rahmen ihrer Arbeit bei Microsoft umsetzen können. Doch dann fragte eine Freundin sie, warum sie eigentlich nicht selbst unternehmerisch aktiv werde. „Ja, warum eigentlich nicht? Ich wusste, meine weiteren Karrieremöglichkeiten in einem kleinen Land wie Tunesien sind begrenzt. Um weiter voranzukommen, hätte ich wieder ins Ausland gehen müssen. Doch dazu war ich nicht bereit. Weil ich wie gesagt an Tunesiens Transformation mitwirken wollte, aber auch weil ich mittlerweile zwei kleine Kinder hatte, die ich in Tunesien aufwachsen sehen wollte“, erklärt Saidane.

Entwicklung und Transformation durch Technologie

SlickStone berät Unternehmen bei Transformationsprozessen und setzt dabei vor allem auf mobile Technologien. Das Beratungsunternehmen wirbt mit dem Slogan „We believe passionately in helping our customers to transform their businesses successfully“. Mit Leidenschaft arbeitet Saidane aber auch an der Umsetzung weiterer Geschäftsideen. Momentan ist sie dabei, mit Hilfe eines Wagniskapitalgebers aus Tunesien einen Fonds für vielversprechende Technologie-Start-ups aufzubauen. Der Fonds soll Start-ups vor allem in der frühen Anfangsphase mit Know-how und Finanzierung zur Seite stehen, denn gerade dann ist das Risikopotenzial hoch und Banken sind deshalb mit möglichen Krediten sehr zurückhaltend. „Nicht nur, aber gerade im Sektor Informations- und Kommunikationstechnologien tut sich in Tunesien aktuell sehr viel, aber es ist überall und nirgends. Sprich: Oft weiß der eine nicht, was der andere tut. Auch das wollen wir ändern“, sagt Saidane.

Vorbild Berlin

Andere Standorte wissen das Potenzial von Technologie-Start-ups schon besser zu nutzen als Tunesien. Saidane ist sich dessen sehr bewusst und nennt als Vorbild etwa Berlin, wo momentan alle 20 Stunden ein neues Unternehmen gegründet wird, wo Großkonzerne innovative Start-ups hofieren und für sie eigene „Accelerator“ aufbauen und wo derzeit auch unzählige Unternehmensgründer aus dem Ausland ihr Glück versuchen. Unter ihnen könnte auch der ein oder andere Tunesier sein. „Tunesier sind Überlebenskünstler. Sie können schnell und viel lernen und einiges auf die Beine stellen – wenn das Umfeld stimmt“, sagt Saidane. „Deshalb sind im Ausland lebende Tunesier oftmals erfolgreicher als zu Hause. Für mich heißt das im Umkehrschluss, dass in Tunesien ein förderndes, entwicklungsfreundliches Umfeld für Neues einfach noch fehlt und dass es für mein neues Vorhaben eine große Nachfrage geben wird.“

Die beiden wesentlichen Herausforderungen für Unternehmer in ihrem Land sieht Saidane in der Bürokratie und in der Finanzierung. „Unsere Administration ist einfach viel zu langsam, unsere Prozesse dauern zu lange. In der IT würde man sagen: Wir brauchen einen kompletten „Reset“, einen Neustart. Wenn von einer Geschäftsidee bis zur tatsächlichen Unternehmensgründung zwei Jahre vergehen und 20 andere Leute anderswo in der Welt schon schneller waren, dann ist dies ein enormes Entwicklungshemmnis für unser Land“, so die Tunesierin. In puncto Finanzierung beklagt sie das fehlende Verständnis insbesondere für technologiebasierte Geschäftsideen von Seiten möglicher Kapitalgeber. „Aber genau hier kann ich als Mittler fungieren, weil ich die Sprachen beider Seiten spreche und auch ihre jeweiligen Anliegen und Interessen kenne.“

Chancen für Frauen

Gemeinsam mit anderen tunesischen Jungunternehmern hat Saidane vor Kurzem den Verband TunisianStartups gegründet. Er soll dabei helfen, leichter mit anderen Unternehmen sowohl in Tunesien als auch in anderen Ländern in Kontakt zu kommen. Bei einem der letzten Treffen war Saidane – wie so oft in Unternehmerkreisen – eine von wenigen Frauen unter Männern. Da äußerten die Männer überraschenderweise das Bedauern, keine Frau zu sein, weil es in Tunesien ihrer Meinung nach einfacher sei, eine Frau zu sein – nicht nur, aber auch in Sachen Unternehmertum. „Zunächst stutzte ich. Dann aber dachte ich, vielleicht haben sie recht. Vieles liegt an uns Frauen selbst, nicht an unserer Umwelt. Frauen haben leider oftmals die Tendenz, sich selbst zu limitieren, statt ihre Träume zu leben. Von meinem Umfeld bekomme ich tatsächlich fast immer positives Feedback. Und von potenziellen Investoren, die nicht selten auch unter dem Zwang stehen, Geschlechterquoten erfüllen zu müssen, sowieso“, sagt die Unternehmerin.

„Seit ich mein eigenes Ding mache, fühle ich mich einfach wohler und entspannter. Ich bin produktiver und habe mehr Energie – auch für meine Kinder. Das mag sich paradox anhören, aber es ist so. Vielleicht liegt es daran, dass ich morgens für mich und mein Land aufstehe und nicht für jemand anderen“, erklärt Saidane. An einer Universität kam sie kürzlich auch mit einer Gruppe junger Studentinnen zusammen, um mit ihnen über das Thema „Frauen und Unternehmertum“ zu diskutieren. Der wichtigste Ratschlag, den sie den jungen Frauen mit auf den Weg gab: Sucht euch den richtigen Partner. „Jemanden, der euch als unabhängiges Wesen akzeptiert, der an euch und eure Ideen glaubt und euch unterstützt. Unternehmerin zu sein bedeutet manchmal auch, einsam zu sein und Durststrecken durchstehen zu müssen. Ein Partner, der einem dann emotionale und auch finanzielle Sicherheit bietet, ist gerade dann von unschätzbarem Wert.“