Know-how made in Germany

Veröffentlicht in Marokko
Unternehmer Faouzi Takni

Der Jungunternehmer Faouzi Takni – hier mit einer Fertigungsanlage für Kunststofffenster der deutschen Firma Urban.

Im Januar 2010 haben sich Faouzi Takni aus Stuttgart und Said Oummia aus München kennen gelernt – in Frankfurt bei einem Seminar des Programms “Geschäftsideen für Marokko“. Beide spielten damals mit der Idee sich in Marokko selbstständig zu machen. Aus dem Gedankenspiel ist längst Ernst geworden: “Takoum“ heißt das Unternehmen, das die beiden im Herbst vergangenen Jahres in Marokko gegründet haben.

“Takoum Germany – German Quality – Fenêtres, Volets, portes“ steht auf der Visitenkarte, die der Automatisierungstechniker Faouzi Takni in den letzten Monaten unzähligen potenziellen Auftraggebern in die Hand gedrückt hat. Elf Jahre war Takni bei Bosch tätig, hat an der Weiterentwicklung von Benzin- und Dieselmotoren mitgearbeitet und Prototypen vor Serienanlauf getestet. Zuletzt hatte er als Projektmanager die Personalverantwortung für 16 andere Ingenieure. Mit dem Ziel, sein Managementwissen zu vertiefen, hat er zwei Jahre lang im Abend- und Wochenendstudium einen MBA in Unternehmensführung erworben.

„Irgendwann war mir klar, dass ich nicht ein Leben lang als Angestellter arbeiten will“, beschreibt Takni seine Motivation für den Weg in die Selbstständigkeit, den er gut vorbereitet hat: ausreichend Arbeits- und Führungserfahrung sammeln, Managementwissen aneignen, Startkapital ansparen. Eigentlich wäre Takni lieber in Deutschland geblieben. Der 37-Jährige sagt: „Nach 18 Jahren in Deutschland fühle und denke ich eher deutsch als marokkanisch. Marokko habe ich eigentlich 18 Jahre lang nur durch eine rosarote Urlaubsbrille wahrgenommen. Jetzt heißt es für mich: alles neu lernen.“ In Deutschland sahen Takni und sein Geschäftspartner Oummia, die sich von ihrer Fachlichkeit hervorragend ergänzen, allerdings nur wenig Potenzial für Neugründer.

Pionierarbeit leisten

„Marokko schreit im Gegensatz zu Deutschland regelrecht nach Know-how, Technologien und Waren. Der Qualitätsanspruch ist gestiegen und das ist eine große Chance für deutsche Technologien und Produkte“, so Takni. Der hohe Grad an Urbanisierung, das Bevölkerungswachstum und die stabile politische und wirtschaftliche Entwicklung Marokkos haben in den letzten Jahren zu einem wahren Boom im Bausektor geführt. Und Gebäude brauchen Fenster und Türen. Die sind in Marokko bisher vor allem aus Holz oder Aluminium. Kunststofffenster und -türen sind noch die Ausnahme, obwohl sie bei korrekter Anpassung an die klimatischen Verhältnisse langlebiger als Holz- und Aluminiumprodukte sind und auch einen höheren Wärme-, Wetter- und Schallschutz bieten. Weitere Vorteile: tendenziell günstigere Anschaffungskosten und eine größere Auswahl an Formen. „Unser Ziel ist es, uns als einen der First Mover in diesem Wachstumsmarkt in Marokko zu etablieren“, so Takni.

Brücke zur deutschen Wirtschaft

Fenster aus Kunststoff

Fensterrahmen aus Kunststoff sollen bald auch den marokkanischen Markt erobern.

In der 1000 Quadratmeter großen Produktionshalle von Takoum Germany 15 Kilometer außerhalb von Casablanca stehen mehrere CNC-gesteuerte Maschinen, das heißt vollelektronisch gesteuerte Fertigungsanlagen. Sie stammen von den deutschen Firmen Urban und Rapid. Mit ihnen lassen sich PVC, aber auch Aluminiumprofile zu Fenstern und Türen in unterschiedlichsten Farben und Ausführungen verarbeiten. Die PVC-Produkte sind zu 100% recyclebar und haben eine Lebensdauer von mindestens vierzig Jahren. Der deutsche Produktionsleiter stellt sicher, dass auch die Anfertigung und die Montage höchsten Qualitätsstandards genügen. Auch die Teile, die Takoum verarbeitet – etwa Fensterprofile, Schrauben, Beschläge – stammen zu 100 Prozent von deutschen Firmen. Wenn die Produktion in Kürze anläuft, will Takni auch erste marokkanische Mitarbeiter einstellen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die neuwertigen Fertigungsanlagen stammen von einem Unternehmen aus der Tschechoslowakei, welches Konkurs ging. Takni wurde über das Internet darauf aufmerksam und fuhr mehrmals nach Prag, um einen guten Preis herauszuholen. Da er und sein Geschäftspartner Oummia bei marokkanischen Banken kein Glück hatten, holten sie sich bei einer deutschen Bank einen Kredit. „Der war mit 4,5 Prozent Zinsen ohnehin um einiges günstiger als in Marokko“, erklärt Takni. Der Techniker, der die Anlagen gerade zum Laufen bringt, kommt ebenfalls aus der Tschechoslowakei. Mit ihm lebt Takni derzeit in einer wie er schmunzelnd sagt “Junggesellen WG“. Seine Frau und seine 7 Monate alte Tochter leben in Stuttgart. In Kürze wird ihn sein Geschäftspartner Oummia in Marokko ablösen, dann fliegt Takni nach Deutschland zurück und kümmert sich dort um die Kundenakquise in Europa. Denn Takoum will nicht nur für den marokkanischen Markt produzieren, sondern auch nach Europa exportieren.

Export im Blick

„Da wir für die Herstellung unserer PVC-Fenster und -Türen ausschließlich deutsche Qualitätsprodukte verwenden und da die  Lohnnebenkosten in Marokko niedriger als in Europa sind, können wir qualitativ hochwertige Fenster zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Die ersten Anfragen aus Deutschland liegen bereits vor. Sie bestätigen uns in unseren Exportabsichten“, erläutert Takni die Exportstrategie seines Unternehmens.

Takni hat in den letzten Monaten schon viele Hürden gemeistert und vieles neu gelernt. 15 Tage blieb seine aus der Tschechoslowakei kommende Produktionsanlage beispielsweise im Hafen von Casablanca stecken, weil er an den falschen Transitspediteur geraten war und ihm der entscheidende Empfangszettel mit Datum und Stempel fehlte. „15 Tage die Miete für drei Container und für drei Stellplätze, das hat mich eine ganze Stange Geld gekostet“, so der junge Unternehmer. Um in seiner Produktionshalle an Strom zu kommen, hat er ebenfalls eine kleine Odyssee hinter sich. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wer da alles seine Genehmigung erteilen muss und wie lange sich das ziehen kann.“

Den mentalen Schalter umlegen

Der Weg zum eigenen Unternehmen kostet viel Energie – nicht nur in Marokko, dort aber vielleicht gerade für Auslandsmarokkaner. „In Deutschland gibt es nur Schwarz oder Weiß, Entweder – Oder. In Marokko bewegt man sich stets in Grauzonen. Sich daran mental anzupassen, hat mich bisher die meiste Energie gekostet“, erklärt Takni. Zwischen dem Seminar in Deutschland im Januar 2010 und Dezember 2010 hat der Jungunternehmer acht Kilo verloren. Und dennoch sagt er als würde er sich manchmal ein wenig über sich selbst wundern: „Das Schlimme ist, dass mir das Ganze – trotz oder gerade wegen dieser Herausforderungen – richtig Spaß macht.“ Takni hat wohl das, was man Unternehmerblut nennt.