Marokko in Bewegung – Seminar im Januar

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Seminarteilnehmer

Teilnehmer und Referenten des Einstiegsseminars am 28. und 29. Januar in Frankfurt.

17 in Deutschland lebende Marokkaner, die mit dem Gedanken spielen in Marokko geschäftlich aktiv zu werden, nahmen Ende Januar an einem Seminar des Programms “Geschäftsideen für Marokko“ teil. Ihr Ziel war es für sich herauszufinden, ob sie als Unternehmer geeignet sind und ob ihre Geschäftsidee in Marokko eine Chance hat.

„Gott hat den Deutschen die Uhr geschenkt und uns die Zeit“, sagte die 30-jährige Haya Koubaa, die einzige Frau unter den 17 Teilnehmern, in einer Diskussion während des Seminars. Der Mentalitätsunterschied zwischen Deutschland und Marokko war nur eines von vielen Themen während der zwei Tage in Frankfurt – allerdings eines, das immer wieder aufkam.

Andere Themen bzw. Fragen, welche die Teilnehmer in Frankfurt für sich beantworten mussten, waren: Bin ich ein Unternehmertyp? Bringe ich die notwendigen fachlichen und sozialen Kompetenzen mit? Wozu brauche ich einen Businessplan, was genau muss er enthalten? Wie gehe ich die Finanzierung an? Was sind Markteintrittsbarrieren für mich in Marokko?

Marokko in Bewegung

In Marokko bildet sich gerade eine neue Unternehmergeneration heraus. Eine Generation, die sich stark von den Ideen, dem Know-how, den Investitionen und dem Engagement von Auslandsmarokkanern nährt. Viele Vertreter dieser neuen Unternehmergeneration sind darum bemüht, sich von herkömmlichen Produkten und Dienstleistungen in Marokko abzuheben und Nischen zu besetzten. Sie suchen den internationalen Anschluss und versuchen in vielerlei Hinsicht neue Standards zu setzten, etwa wenn es um Qualität oder auch um Umweltverträglickeit geht.

Erfahrungen aus Marokko aus erster Hand

„Ihr gehört zur Crème de la Crème – wie die Franzosen so schön sagen“, ließ Abderrahim Znassni seine Zuhörer, alles potenzielle Vertreter dieser neuen Unternehmergeneration, deshalb gleich zu Beginn des Seminars wissen. Znassni war für das Seminar eigens nach Frankfurt gekommen, um seine Erfahrungen als Unternehmer in Marokko weiterzugeben. Er selbst hat in Bochum Nachrichtentechnik studiert und ging 2002 mit zwei weiteren marokkanischen Ingenieuren nach Marokko zurück, um sich in Casablanca auf eigene Beine zu stellen. Seine Firma „Maroc Réseaux Systèmes“ (MRS) startete mit vier Personen. Heute hat MRS 61 Mitarbeiter. Die Firma ist auf Informationstechnologie und Kommunikation spezialisiert und unterstützt beispielsweise Mobilfunkanbieter bei der Planung und Implementierung ihrer Netze. Einige von Znassis wichtigsten Botschaften fassen wir im Folgenden zusammen.

Deutschland hinter sich lassen

Der eingangs schon erwähnte Mentalitätsunterschied. Die deutsche Sozialisation lässt sich bei der Rückkehr nach Marokko nicht löschen. Doch wer in Marokko Geschäfte machen möchte, der muss sich an die marokkanische Mentalität anpassen. Znassni nannte Beispiele, darunter dieses: „Die familiäre Atmosphäre in der Firma ist in Marokko extrem wichtig. Viel wichtiger noch als das Gehalt.“ Es komme daher nicht selten vor, dass man sich als Geschäftsführer der Arbeitsweise seiner Mitarbeiter anpassen muss und nicht umgekehrt.

Kämpfen, nicht beschweren

„Marokko ist eine riesige Baustelle“, so Znassni. In Marokko tut sich viel und es gibt viele Potenziale, aber vieles läuft eben anders und manches dauert mitunter länger als in Deutschland. „Sie müssen kämpfen und dürfen sich nicht beschweren“, versuchte Znassni die 17 potenziellen Jungunternehmer auf das vorzubereiten, was in Marokko auf sie wartet. „Das Erfolgsrezept heißt: Geduld, Geduld, Geduld. Ohne Geduld, Gelassenheit und Flexibilität kommen Sie in Marokko nicht weit.“ Wer sich beschwert, müsse sich nicht selten die Frage gefallen lassen: „Warum bist Du nicht im Ausland geblieben?“
Auf die Frage eines Teilnehmers, was man mache, wenn man zwei Monate nach Rechnungsstellung von seinem Kunden noch immer kein Geld gesehen hat, antwortete Znassni: „Sie bekommen ihr Geld. Keine Panik. Die Frage ist nur wann. Marokkanische Kunden zahlen in der Regel nicht vor Ablauf von 90 Tagen.“

Unbedingt auf dem Laufenden bleiben

Ohne Innovation und neue Ideen können Unternehmen langfristig nicht am Markt bestehen. Für Znassni ist Weiterbildung deshalb das A und O. Da es für seine Branche aber in Marokko kein geeignetes Weiterbildungsangebot gibt, schickt er seine Mitarbeiter regelmäßig nach Tunesien und Ägypten, wo seine Kunden Niederlassungen und eigene Weiterbildungsstätten haben. Eine andere wichtige Informations- und Inspirationsquelle seien für ihn Freunde im Ausland.

Mehr Selbstvertrauen

Marokkaner aus Deutschland verkaufen sich oft weniger gut als etwa Rückkehrer aus Frankreich. Das liegt mitunter an der französischen Sprache, die bei vielen Marokkanern, die in Deutschland gelebt haben, eingerostet ist. Das liegt aber auch an deutscher Bescheidenheit und Zurückhaltung. Was die Sprache angeht, fand Znassni klare Worte: „Die Geschäftssprache in Marokko ist Französisch. Also, fangen Sie an Zeitungen und Bücher auf Französisch zu lesen, wenn Sie in Marokko geschäftlich erfolgreich sein möchten.“

Aktuelle Entwicklungen

Aus Marokko nach Frankfurt gekommen war neben Abderrahim Znassni auch Moha Ezzabdi. Er hat ebenfalls in Deutschland studiert und arbeitet seit vier Jahren als Berater für Rückkehrende Fachkräfte und Existenzgründer an der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Casablanca. Er hat einen Überblick über aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen und Trends in Marokko gegeben.

Ein weiterer Gast war Khaled Snouber von der Hessen Agentur. Er unterstützt hessische Unternehmen bei der internationalen Vermarktung ihrer Produkte und bei der Suche nach Investoren. Dies tut er vor allem auch im Rahmen des europäischen Netzwerks “Enterprise Europe Network“. Snouber berichtete davon, wie Unternehmen und auch marokkanische Unternehmen von diesem Netzwerk profitieren können, wie sie darüber neue Märkte erschließen und Kooperationspartner im Ausland finden können. Das Netzwerk gibt vielerlei Hilfestellungen. Es informiert zum Beispiel über die komplexe EU-Gestzgebung – etwa bei Zollbestimmungen – oder auch über aktuelle Ausschreibungen und Förderprogramme der EU. Auch in Marokko wird es laut Snouber bald ein Büro von “Enterprise Europe Network“ geben. Eine andere gute Nachricht für die deutsch-marokkanische Zusammenarbeit, die Snouber mit ins Seminar brachte: Im September reisen der hessische Wirtschaftsminister und mehrere hessische Unternehmer nach Marokko, um Geschäfts- und Kooperationspotenziale auszuloten. An der Organisation der Reise ist auch die AHK in Casablanca beteiligt.