Reise nach Marokko im November

Veröffentlicht in Marokko

Besuch beim Centre régional d’investissement in Casablanca.

Mitte November trafen sich elf Marokkaner aus Deutschland in Casablanca. Das Ziel ihrer Reise: den Plan sich in Marokko selbstständig zu machen auf Umsetzbarkeit prüfen, den Markt und die Konkurrenz genau unter die Lupe nehmen und von den Erfahrungen anderer lernen. Das Programm “Geschäftsideen für Marokko“ hat hierfür verschiedene Termine organisiert. Zur Vorbereitung der Reise hatten die elf Teilnehmer in den vergangenen Monaten bereits in Deutschland Seminare besucht.

„Ich suche ein Büro für meine IT-Firma und frage jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, und letzterer weiß schlussendlich auch nichts. In Europa ist das alles viel einfacher. Dort findet man alle Information im Internet.“  So brachte einer der zukünftigen Unternehmer bei einem Termin mit dem Leiter der Bank Al-Amal seine Anlaufschwierigkeiten auf den Punkt. Auf solche und ähnliche Herausforderungen müssen sich Marokkaner, die viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet haben, in Marokko einstellen. Die Antwort des Bankers: „Marokko ist noch nicht virtualisiert. Marokko ist dabei sich zu verändern, aber wir sind immer noch ein Entwicklungsland. Um die Dinge in Marokko zum Besseren zu verändern, brauchen wir ja gerade Sie, Ihr Fachwissen und Ihre guten Geschäftsideen aus dem Ausland.“

Ein Problem: die Urlaubsbrille

Normalerweise kommen Marokkaner, die im Ausland leben und arbeiten, ein bis zwei Mal im Jahr zum Urlaub “nach Hause“. Sie besuchen ihre Familie und Bekannte und ehe sie sich versehen, haben sie der Alltag und der Job in Deutschland wieder eingeholt. Dabei träumen nicht wenige von ihnen davon, in Marokko ein eigenes Unternehmen zu gründen. Doch der Schritt in die Selbstständigkeit will gut überlegt sein. Vor allem dann, wenn man das eigene Land in vielerlei Hinsicht nur noch durch die Urlaubsbrille kennt und die marokkanische Geschäftswelt nur vom Hörensagen, etwa weil man in Deutschland studiert und nie in Marokko gearbeitet hat.

Wer abseits der Urlaubsplanung zum Beispiel den Technopark in Casablanca besucht, bekommt eine Ahnung davon, was sich in Marokko in den letzten Jahren getan hat. 160 junge IT-Firmen haben dort ihr Domizil. „Ein Büro bekomme ich im Technopark derzeit nicht. Alle Büros sind vergeben. Kein Wunder die Mietpreise sind so günstig wie nirgends in Casablanca. Die Arbeitsatmosphäre ist gut, die Leute haben Ideen und wollen etwas bewegen“, berichtet einer der elf Marokkaner aus Deutschland, der sich dort im November umgeschaut hat.

Eine andere Herausforderung: die Sprache

Auch das eingerostete Französisch muss wieder auf Vordermann gebracht werden, denn die Geschäftssprache in Marokko ist eben nicht Deutsch, sondern in der Regel Französisch. Das wurde den elf Teilnehmern der Reise klar, als ein Besuch beim Verband junger Unternehmer (“Centre des jeunes dirigeants d’entreprises“) auf der Tagesordnung stand. Die Jungunternehmer und -unternehmerinnen, die sich dort präsentierten und nützliche Tipps für den Start in die Selbstständigkeit gaben, taten das in bestem Französisch und in einem Tempo, dass einigen der Marokkaner aus Deutschland der Kopf rauchte. Das lag aber auch an dem Programm, das an diesem Tag schon hinter den zukünftigen Unternehmern lag. Bei zwei Banken hatten sie bereits ihre Geschäftsideen präsentiert, die Kreditwürdigkeit ihrer Ideen und ihr Verkaufstalent getestet und sich über Sicherheitsgarantien schlau gemacht. Beim “Centre régional d’investissement“ brachten sie durch ihre Fragen in Erfahrung, welche Serviceleistungen sie als Unternehmensgründer von staatlicher Seite erwarten können.

Besuch bei der Bank Al-Amal in Casablanca.

Besuch bei der Bank Al-Amal in Casablanca.

„Ihr müsst Euch adaptieren – kulturell und auch sprachlich“, war der Rat einer jungen Unternehmerin vom Verband junger Unternehmer an die Gruppe aus Deutschland. „Ihr braucht Fachwissen und Berufserfahrung, viel Passion und Geduld und Ihr müsst Euch ein gutes Kontaktnetzwerk aufbauen. Und stellt Euch darauf ein, dass die Zahlungsmoral in Marokko schlecht ist“, war der Rat eines anderen Unternehmers. Und zu guter Letzt fiel auch der Appell: „Findet eine Nische. Und: Wartet nicht zu lange, denn die Konkurrenz schläft nicht.“

Weitere Herausforderungen: Korruption, Intransparenz und Bürokratie

Die formelle Unternehmensgründung dauert in Marokko heute nur noch wenige Tage und nimmt damit weniger Zeit in Anspruch als in Deutschland. Aber nicht alles läuft so unkompliziert wie die formelle Gründung. Korruption und Bürokratie sind beispielsweise immer noch große Ärgernisse – „gerade für Marokkaner, die sich an deutsche Korrektheit und Transparenz gewöhnt haben“, so einer der Teilnehmer an der Reise.

Ein marokkanischer Unternehmensgründer aus Deutschland, dessen Produktionsanlage 15 Tage im Zoll stecken blieb, weil er vergessen hatte sich einen Empfangszettel mit Datum und Stempel geben zu lassen, hat für dieses Versäumnis mehrere Tausend Euros zahlen müssen. Bei einem organisierten Abendessen, bei dem bereits erfolgreiche Gründer aus Deutschland auf die zukünftigen Gründer trafen, gab er seine Erfahrungen weiter. Damit Zollbarrieren nicht zu K.O.-Kriterien werden, gab es im Rahmen der Reise im November auch einen Workshop zu Import- und Exportfragen und Zollbestimmungen mit einem Fachexperten.

Workshop mit einem Zollexperten und einem Personalexperten in der deutschen Auslandshandelskammer in Casablanca.

Workshop mit einem Zollexperten und einem Personalexperten in der deutschen Auslandshandelskammer in Casablanca.

Auch die Suche nach qualifiziertem Personal ist in Marokko nicht einfach. Ein Mitarbeiter der marokkanischen Arbeitsagentur ANAPEC (“Agence Nationale de Promotion de l’emploi et des compétences“)  zeigte den elf Marokkanern aus Deutschland auf, wie sie in Marokko am besten an gutes Personal kommen und welche staatlichen Fördermöglichkeiten und Weiterbildungsprogramme es gibt.

Neben den gemeinsamen Terminen gingen die zukünftigen Unternehmer dann ihrer eigenen Wege. Einige konnten auf der Reise bereits erste Aufträge an Land ziehen.