„Brücken bauen“ – Seminar im Oktober

Veröffentlicht in Marokko

 

Seminarteilnehmer

 

Immer mehr Marokkaner in Deutschland werden auf das Programm „Geschäftsideen für Marokko“ aufmerksam. Sie wollen sich über den Schritt in die Selbstständigkeit in Marokko informieren und Gleichgesinnte treffen. Deshalb kamen am 29. und 30. Oktober 23 gründungsinteressierte Marokkaner aus ganz Deutschland mit ihren Geschäftsideen wieder nach Frankfurt. Unter den Seminarteilnehmern waren erstmals auch Frauen.

„Europa ist mein Vater, Marokko meine Mutter“, sagte einer der Teilnehmer gleich zu Anfang des Seminars. Die meisten der Marokkaner in Deutschland, die mit dem Gedanken spielen, in Marokko ein Unternehmen zu gründen, würden sich in Zukunft am liebsten zwischen den Kontinenten bewegen, „zwei Standbeine haben“, „eine Brücke bauen“, „Deutschland und Marokko unter einen Hut bringen“.

Dass das allerdings nicht einfach sein wird, darüber machte sich keiner der Teilnehmer Illusionen. Einige haben ihr Glück als Unternehmer in Marokko bereits versucht, bisher noch ohne Erfolg. Andere sind bereits in Deutschland als Unternehmer bzw. Unternehmerin erfolgreich – der jüngste unter ihnen mit nur 25 Jahren – und wollen nun den Schritt nach Marokko wagen. Der Einstieg dort ist aber gerade für jene, die lange Zeit in Deutschland gelebt haben, eine echte Herausforderung. Groß sind zum Beispiel die Mentalitätsunterschiede, nervig die Auseinandersetzungen mit Korruption und Bürokratie und groß die Anstrengungen, die notwendig sind, um das eingerostete Französisch wieder auf Vordermann zu bringen. Damit diese Hindernisse nicht zu K.O.-Kriterien werden, gibt es das Programm „Geschäftsideen für Marokko“. Es bietet eine Plattform zum Austausch, viele Informationen zu den aktuellen Entwicklungen und zum Thema Selbstständigkeit in Marokko sowie individuelles Coaching, wenn es dann konkret wird: etwa bei der Businessplanerstellung, der Finanzplanung und der Marktexploration vor Ort.

Das System ändern oder sich anpassen?

„Wie gehe ich mit Korruption um?“, „Kann ich als einzelner das System ändern?“, „Muss ich mich wieder anpassen oder kann ich eine persönliche Haltung finden, die im Alltag auch trägt?“, das waren zum Beispiel Fragestellungen, die im Zusammenhang mit Korruption und Bürokratie an den beiden Tagen auftauchten. Die Referenten aus Marokko gaben darauf ehrliche und sehr persönliche Antworten und zahlreiche Denkanstöße. So gab die Referentin Najia Chaffai etwa den Hinweis: „Mit deutscher Unerbittlichkeit und Direktheit werdet Ihr in Marokko wenig erreichen. Als Unternehmer in Marokko müsst Ihr in erster Linie versuchen, keine Reibung zu erzeugen.“

Sarazzin in vieler Munde und Köpfe

Jede Menge Denkanstöße floßen auch über die aktuelle Integrationsdebatte in das Seminar ein. Einige Teilnehmer meinten, dass sich Europa verändere und dass sie das Gefühl hätten, dass Ausländerfeindlichkeit in Deutschland zunimmt. Auch deshalb sei es an der Zeit, nach neuen Ufern und Perspektiven Ausschau zu halten. Diese Motivation wurde in den bisherigen Seminaren noch nicht geäußert. Sie spiegelt sicher ein stückweit die Realität in Deutschland wider, die zu einem nicht geringen Teil aber auch von den Medien „miterzeugt“ wird. Denn einige Teilnehmer konnten das Gefühl des Unwohlseins in Deutschland für sich gar nicht bestätigen. Es wurden aber auch ganze andere Motivationen genannt bzw. ganz andere Stimmen laut, etwa jene: „Ich brauche eine Beschäftigung, die mich ausfüllt, und nicht nur eine, die mich einnimmt, deshalb will ich mich in Marokko selbstständig machen.“

Referenten, die bei diesem Seminar mit von der Partie waren und ihre Erfahrungen weitergaben:

Najia Chaffai: Sie hat in Deutschland Informatik studiert und ist vor rund sechs Jahren nach Marokko zurückgekehrt. Die alleinerziehende Mutter ist heute Abteilungsleiterin bei einer großen Bank und dort für die Abwicklung sämtlicher Projekte und 70 Mitarbeiter verantwortlich. Najia Chafai berichtete über die Schwierigkeiten bei der Rückkehr nach Marokko nach vielen Jahren in Deutschland, über ihren Einstieg ins dortige Berufsleben sowie über die Herausforderung Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen.

Mohamed El Karz: Er ist einer der Geschäftsführer der Argand’Or GmbH, die marokkanisches Arganöl mittlerweile weltweit vertreibt. Mohamed El Karz pendelt zwischen Deutschland und Marokko. Der gelernte Umwelttechniker berichtete im Seminar davon, warum er die Umwelttechnik an den Nägel hängte und wie er zu seiner Geschäftsidee, der Herstellung und Vermarktung von Arganöl, kam. Die Begeisterung für sein Produkt und seine Arbeit lässt sich bei Mohamed El Karz nicht übersehen. Aber er wies auch auf  Herausforderungen und Probleme hin, auf die er in den letzten Jahren immer wieder kreative Antworten finden musste.

Moha Ezzabdi: Er hat ebenfalls in Deutschland studiert und arbeitet seit vier Jahren als Berater für Rückkehrende Fachkräfte und Existenzgründer an der deutschen Auslandshandelskammer in Casablanca.

Tissam Bellafkir-Yachou und Sarah Fatemi: Sie widmen sich im Rahmen einer Doktor- und Bachelorarbeit momentan den Themen Migration, Existengründung und Privatwirtschaftsförderung in Marokko. In dem Seminar bekamen sie Informationen aus erster Hand für ihre wissenschaftlichen Arbeiten.