Zwei Jahre nach der Gründung

Veröffentlicht in Marokko
Aziz Chiki

Kritische Nase: Aziz Chiki beim Testen von Olivenöl.

2012 begann der in Deutschland tätige IT-Berater Aziz Chikiin seinem  marokkanischen Heimatort Sidi Bousber mit der Produktion von Olivenöl. Die zweite Erntesaison liegt gerade hinter ihm. Zeit für einen ersten Blick zurück.

Hinter Aziz Chiki liegen anstrengende Monate. Monate mit viel Arbeit und wenig Schlaf. 1.300 Tonnen Oliven hat er in dieser Zeit in seiner Mühle insgesamt verarbeitet – für sich und für umliegende Bauern und Produzenten. Während im ersten Jahr seiner Geschäftstätigkeit als Olivenproduzent in Marokko die Menge hochwertigen Olivenöls, das er für sich selbst herstellen konnte, noch bei rund 300 Litern lag, konnte er diese Menge in diesem Jahr bereits auf 3.000 Liter steigern. Als wichtigste Gründe für diese Steigerung nennt Chiki die gefruchteten Sensibilisierungsmaßnahmen bei den Bauern, mit denen er zusammenarbeitet, und die laufende Optimierung seiner neuen Anlage. „Dass wir die Qualität unseres Öls bereits nach einem Jahr stark verbessern konnten, macht mich stolz“, so der 41-Jährige.

Ouezzane, Marokko

Aus den Olivienhainen in der Provinz Ouezzane am Fuße des Atlasgebirges kommen die Früchte für Chikis Olivenöl.

Qualität ist Chikis Maxime, denn er hat sich ein großes Ziel gesetzt: Er will das Image seiner Heimatregion verändern. Die Provinz Ouezzane ist – zumindest in Marokko – zwar als Olivenanbaugebiet bekannt, aber sie hebt sich von anderen Anbauregionen Marokkos bisher nicht durch eine besondere Qualität seiner Öle ab – obwohl sie das Potenzial dazu hätte. Auch ausländische Konsumenten mit Qualitätsbewusstsein greifen noch immer am liebsten zu Ölen aus der Toskana oder aus Griechenland. Bei Marokko fällt den meisten oft nur eines ein: Arganöl.

Aufklären

Marokko ist ein wichtiger internationaler Player im Olivenanbau, das Wissen der Marokkaner zu Olivenöl ist laut Chiki aber noch sehr lückenhaft. Mit Degustationen wirkt Chiki dem entgegen. „Im ersten Jahr habe ich absichtlich mehrere Öle hergestellt: von hoher, mittlerer und niedriger Qualität. Wenn die Leute bei mir Öl kaufen wollen, lasse ich sie alle Öle kosten. Bisher hat sich allen der Zusammenhang zwischen Qualität und Preis erschlossen und kaum jemand will dann noch ein minderwertiges Öl haben“, so Chiki.

Überhaupt steckt er viel Zeit und Energie in die Aufklärungsarbeit, für die er in den letzten zwei Jahren in Marokko oft belächelt wurde. Die steigende Nachfrage nach seinem hochwertigen Öl macht ihm jedoch Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Derzeit baut er eine Webseite auf, einen Auftritt auf Facebook gibt es bereits. Und in der 160 Kilometer entfernten 400.000-Einwohner-Stadt Kenitra plant er die Eröffnung eines Feinkostladens, wo er durch regelmäßige Verkostungen weitere kaufkräftige und qualitätsbewusste Städter von seinem Produkt überzeugen will. Das hätte auch den Vorteil, dass Interessenten dann nicht mehr den beschwerlichen Weg nach Sidi Bousber auf sich nehmen müssten. Denn die schlechten Straßen dorthin halten viele ab.

1.300 Tonnen frische Oliven von Bauern in der Region Sidi Bousber  hat Chiki in der letzten Saison in seiner Ölmühle verarbeitet. 7.000 Liter davon hat er selbst ausgebaut.

1.300 Tonnen frische Oliven von Bauern in der Region Sidi Bousber hat Chiki in der letzten Saison in seiner Ölmühle verarbeitet. 7.000 Liter davon hat er selbst ausgebaut.

Auf Kundenwünsche eingehen

Der Feinkostladen in Kenitra macht auch deshalb Sinn, weil Chiki und seine Partner sich entschlossen haben, sich zunächst einmal nur auf den marokkanischen Markt zu konzentrieren. Da Marokkaner Olivenöl aber nicht gerne in kleinen Mengen kaufen, sondern meist gleich eine Halbjahresfamilienration von mindestens 50 Litern haben möchten, testet Chiki nun alternative Großverpackungen. „Das käme nicht zuletzt der Umwelt zugute“, sagt Chiki und lässt damit Eitelkeiten – etwa jene, dass ein edles Öl eine edle Flasche als Verpackung braucht – hinter sich.

Wiederverwerten

Für die Reststoffe seiner Olivenölproduktion hat Chiki 2013 auf seinem Anwesen in Sidi Bousber mehrere Lagerbecken erstellt.

Für die Reststoffe seiner Olivenölproduktion hat Chiki 2013 auf seinem Anwesen in Sidi Bousber mehrere Lagerbecken erstellt.

Eine andere Herausforderung sind die Reststoffe, die bei der Olivenölproduktion anfallen. Sie enthalten Fettsäuren, Phenole und Schwebstoffe und sind für Pflanzen und Tiere gefährlich. Anders als viele andere Produzenten, die diese Reststoffe in den nächsten Fluss leiten, hat Chiki sich zunächst für die Lagerung in großen Becken entschieden.

Doch die Lagerbecken schaffen das Problem nicht aus der Welt. Trotz jahrelanger Forschung hat die Olivenölindustrie für die Entsorgung noch keine befriedigende Lösung gefunden. Es gibt Ansätze, aus diesen Abfällen Biogas oder Grillkohle herzustellen. Chiki ist bei der Recherche auf einen weiteren interessanten Ansatz gestoßen, den er nun verfolgen will: In Spanien und Italien hat man herausgefunden, dass sich diese Reststoffe gut als Mittel gegen den Schädling der Olivenfliege einsetzen lassen.

Energie tanken

Nach drei Monaten in Marokko ist Chiki nun wieder in Düsseldorf, wo er als selbstständiger IT-Berater arbeitet und wo seine Familie lebt. Sein Doppelleben als IT-Berater und Olivenproduzent und auch das Pendeln zwischen Deutschland und Marokko sieht er als Bereicherung. „Ich empfinde es als Geschenk und als Luxus, dass ich in Deutschland mein Geld verdienen und damit in Marokko einen großen Traum leben kann. So bin ich in Marokko auch nicht diesem extremen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, kann meine Produktion Schritt für Schritt und nach meinen Vorstellungen aufbauen. Und ich kann mir Zeit nehmen für die Sensibilisierung von Bauern und Endkonsumenten, für die mich so viele in Marokko  belächeln.“

Das Doppelleben hat noch einen weiteren Vorteil: Wenn Chiki das Gefühl hat, die Probleme in Sidi Bousber wachsen ihm über den Kopf, wenn die Nachbarn intrigieren und nach Problemen statt nach Lösungen suchen oder wenn er das Gefühl hat, dass alle nach kurzfristigen Profiten aus sind, nimmt er den nächsten Flieger nach Deutschland. „Dort kann ich frische Energie tanken und bekomme Abstand zu allem und somit oft auch einen anderen Blick auf die Dinge. Für manche Probleme finde ich dann Lösungen, auf die ich in Marokko nicht gekommen wäre.“ In Deutschland bespricht sich Chiki auch regelmäßig mit seinen drei Geschäftspartnern, allesamt Marokkaner, die in Deutschland eine Ingenieursausbildung absolviert haben und in Deutschland arbeiten.

Chiki braucht beides: Deutschland und Marokko. Er sagt: „Die Arbeit mit der Natur und den Menschen in Marokko ist natürlich anstrengend. Aber sie gibt mir auch viel Energie für mein Leben und meine Arbeit in Deutschland.“